Gastbeiträge, Selbstfürsorge
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“Uns hat es auch nicht geschadet!” – überdachte Erziehungsfloskeln

 

Ich freue mich sehr, euch diesen genialen und vor allem gut recherchierten Gastartikel von der lieben Melanie Wittwer von www.kleinermensch.net  zu präsentieren! 

Ich denke viele von euch kennt es. Ein Augenrollen. Ein tiefer Seufzer. Oder gar ein forscher Blick … und dann kommt es: 

“Uns hat es auch nicht geschadet, dass…” 

Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und bedanke mich herzlich bei Melanie Wittwer für diesen aufrüttelnden Artikel!: 

 

Außerhalb der Blase …

Wenn wir uns aus unserer bindungs- und bedürfnisorientierten Blase hinausbegeben und auf andere Menschen treffen, die nicht so ticken wie wir, dann könnten uns Sätze, wie “Uns hat es auch nicht geschadet!”, “Wir sind auch groß geworden!” oder “Ein Klaps hat noch niemanden geschadet!” zu Ohren kommen. Solche Äußerungen sind ohne Mitgefühl, aber wie soll jemand auch empathisch sein, der in seiner Kindheit schmerzhafte psychische und auch physische Erfahrungen machen musste und diese nie richtig aufgearbeitet hat? 

Diese Menschen haben den Schmerz verdrängt, weil er einfach unerträglich war. Die negativen Erfahrungen des sich klein, wehrlos und ausgeliefert fühlen, werden verleugnet. Dieser Schmerz wurde von Generation zu Generation weitergegeben – ein Mitbringsel der schwarzen Pädagogik Johanna Haarers. Und vielleicht werden solche Sätze auch gesagt, um das Verhalten der eigenen Eltern nicht in Frage zu stellen, um sie zu idealisieren.

Meist sind solche Äußerungen eine Rechtfertigung für psychische oder auch physische Gewalt. Für Schreien-lassen, für die Stille Ecke oder auch für andere erzieherische Maßnahmen, die Kindern nachweislich schädigen. Solche Äußerungen geschehen, weil nicht reflektiert wird und alte übernommene Muster nicht hinterfragt werden. Der natürliche, angeborene Instinkt, sich um ein schutzloses, hilfebedürftiges und völlig abhängiges kleines Wesen zu bedingungslos kümmern wurde in ihrer eigenen Kindheit untergraben. 

 

“Aus mir ist doch auch was geworden!”

Zu dieser Aussage möchte ich Nicola Schmidt aus ihrem Interview beim “Beziehung statt Erziehung Kongress” zitieren:

“Wenn Sie keine Schlaf- und Beziehungsstörungen haben, in Ihrem Leben noch nie Suizidgedanken und noch nie depressive Verstimmungen hatten, wenn Sie nicht massiv unter Stress stehen und sich selber nicht schaden, indem Sie zu viel rauchen, zu viel Alkohol trinken, zu viel arbeiten usw. dann herzlichen Glückwunsch…

30 % aller Kinder können unter den widrigsten Umständen, wie Gewalt, Vernachlässigung und ständiger Angst zu absolut gesunden Persönlichkeiten heranreifen – sie sind resilient. Die restlichen 70 % tragen Schäden davon.”

 

Wenn es uns wirklich nicht geschadet haben soll…

…dann dürfen wir uns die Zahlen derer genauer anschauen, die leiden:

  • an Schlafstörungen

“Die Deutschen schlafen offenbar immer schlechter. Nach Daten der Barmer Krankenkasse stieg die Zahl der ärztlich diagnostizierten Schlafstörungen (Insomnie) zwischen 2006 und 2017 um 63 Prozent. Zuletzt sei bei 3,8 Prozent aller Erwerbstätigen eine Ein- und Durchschlafstörung festgestellt worden.” *

 

  • an depressiven Verstimmungen

“Schätzungsweise 350 Mio. Menschen sind weltweit von einer Depression betroffen. Gut 18 % mehr als vor zehn Jahren. Bis zum Jahr 2020 könnte laut WHO Depression die zweithäufigste Volkskrankheit weltweit sein.”

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

Gewalt, Isolation, Liebesentzug, Ablehnung und ständige Erniedrigungen in der Kindheit können als Grundstein für eine Depression gesehen werden. **

 

  • an Bindungs- und Beziehungsstörungen

Kinder brauchen von Geburt an Menschen, die sich feinfühlig um sie kümmern und an die sie sich binden können. Diese Bezugspersonen sollten die Bedürfnisse richtig interpretieren, sowie prompt und richtig darauf eingehen. Das stärkt die Bindung und das Vertrauen des Kindes in sich und den Rest der Welt. Ist dieses (Ur-)Vertrauen nicht gegeben, fällt es ihnen später schwer, sich auf intensive Freundschaften und Beziehungen einzulassen sowie diese zu halten. 

 

  • an Suizidgedanken

“Im Jahr 2017 nahmen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 9.241 Menschen in Deutschland das Leben. Die meisten davon, 1.026 Personen, waren zwischen 50 und 54 Jahren alt. Während 6.990 Männer Selbstmord begingen, waren es bei den Frauen 2.251. Etwa zehn Prozent der Menschen, die ihr Leben beendeten, waren jünger als 30 Jahre. Die Suizidrate in Deutschland ist zwar seit den 1980er Jahren gesunken, hält sich aber seit Jahren auf konstant hohem Niveau.”***

 

  • an Burnout

    (durch zu viel Arbeit & Stress)

“Menschen, die in ihrer Kindheit keine sichere Bindung oder einen nicht verarbeiteten Verlust erlitten haben, weisen ein wesentlich höheres Burnout Risiko auf.” ****

 

  • an psychosomatischen Beschwerden

Rund 5 bis 10 % der Bevölkerung leiden unter psychosomatischen Beschwerden, wie beispielsweise Neurodermitis, Ohrgeräuschen, Rücken- und Magenschmerzen. Und auch hier ist eine belastende Kindheit oder Traumatisierung ein Risikofaktor. 

Natürlich gibt es für die Entstehung dieser Krankheiten noch andere Faktoren, die wir nicht außer Acht lassen dürfen. Dennoch legt eine gewaltfreie Kindheit das Fundament, um gestärkt in die Welt ziehen zu können.

 

Als Eltern Verantwortung übernehmen und ins Bewusstsein kommen 

Hierzu ein Zitat von Jesper Juul aus dem Buch “Grenzen, Nähe, Respekt”:

“Viele von uns haben das, was ganz besonders weh getan hat, vollkommen vergessen. Der Schmerz war so groß, dass wir ihn aussortieren, verdrängen mussten. Wenn wir dann selbst Kinder bekommen, taucht er mit großer Sicherheit wieder auf, aber nicht notwendigerweise als Schmerz, sondern als Wiederholung der Muster unserer Eltern und wenn wir nicht auf der Hut sind, geben wir den Schmerz weiter, anstatt die Verantwortung für ihn zu übernehmen.” 

 

Wie aber können wir die alten Muster erkennen, durchbrechen und Verantwortung dafür übernehmen? 

Dazu müssen wir uns unsere eigenen wunden Punkte anschauen. Wo genau liegen unsere eigenen Trigger. (Trigger: “Unter einem Trigger versteht man in Medizin und Psychologie den Auslöser für einen Vorgang, der eine Empfindung, einen Affekt…. auslösen kann.” Quelle Wikipedia)

Das kann ein bestimmtes Verhalten unserer Kinder sein, welches uns in Rage bringt, Situationen, in denen wir nicht so reagieren, wie wir es eigentlich möchten, weil unbewusste Muster aus unserer eigenen Kindheit hochkommen und wir zudem vielleicht auch noch gestresst sind. 

Um Verantwortung zu übernehmen, brauchen wir Reflektion und eine Portion Mut. Es ist natürlich nicht einfach, sich Fehler einzugestehen, gelten Fehler doch als Schwäche. Möchten wir aber in Beziehung mit uns selbst und unseren Kindern leben und wünschen wir uns weniger Konflikte, mehr Harmonie und Kooperation im Familienmiteinander, dann kommen wir nicht drum herum, uns mit unserer eigenen Kindheit, dem inneren Kind und unseren Verletzungen auseinander zu setzen und uns im Notfall psychologische Unterstützung zu holen. 

Tun wir dies nicht und bleiben bei unserer “guten” alten Erziehung, dann werden wir früher oder später die Auswirkungen dieser zu spüren bekommen, denn Kinder spiegeln uns. Sie zeigen uns immer wieder, wo wir an uns arbeiten dürfen. Das machen sie nicht, um uns zu ärgern.

Es ist meist ein Hilferuf nach mehr Wertschätzung, nachgesehen werden wollen und ein Hinweis darauf, dass im Familienleben irgendetwas in Schieflage geraten ist. Sie möchten als Menschen ernst genommen werden und nicht als kleine Wesen, die erst einmal zurechtgestutzt werden müssen. 

 

Hilfe aus der Bindungsforschung und Entwicklungspsychologie

Eine grundlegende Voraussetzung für ein harmonisches Familienleben ist das Wissen darüber, was Kinder wirklich brauchen (Bindung), damit sie physisch und psychisch gesund aufwachsen können und zu selbstbewussten und starken Persönlichkeiten werden. Wir müssen wissen, welche Entwicklungsschritte (Autonomiephase und emotionale Entwicklung) sie durchlaufen und wie wir sie darin gut unterstützen und begleiten können. 

Sie sind perfekt, von Geburt an. Wir dürfen sie auf ihrem Weg begleiten und das, so liebevoll, wie nur möglich!

Was erwiderst du, wenn dir jemand solche Sätze entgegnet? Fängst du an, dich zu rechtfertigen? Hast du Mitgefühl für diese Menschen? Erzähl mir gern von deinen Erfahrungen!

Eure Melanie Wittwer 
Melanie Wittwer
Melanie lebt mit ihrem Partner und den gemeinsamen zwei Kindern in Berlin. Seit 2016 bloggt sie auf www.kleinermensch.net zu Familienthemen, wie Bedürfnisse, Bindung & Beziehung. Sie möchte sensibilisieren und darüber aufklären, was Kinder wirklich brauchen. Hier findet ihr Melanie auf Facebook und Instagram.  

Quellen:

*https://www.br.de/nachrichten/wissen/schlaflosigkeit-deutsche-schlafen-immer-schlechter,Rf4KdIh

**http://www.depressionen-depression.net/ursachen-von-depressionen/ursachen-einer-depression.htm

***https://www.br.de/nachrichten/wissen/welt-suizid-praeventionstag-zahlen-und-fakten-ueber-selbstmord,RbamfIO

****https://www.woman.at/a/burnout-ursache-kindheit

 

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Kategorie: Gastbeiträge, Selbstfürsorge

von

Andrea

Ich bin glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, Querdenken, sowie THE WORK sind meine Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ich mag dabei helfen, dass ihr euch mit eurem kleinen Menschen wieder verbinden könnt!

2 Kommentare

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    Andrea sagt

    Danke für den tollen Artikel. Ich erwidere diesen Ratschlägen nicht viel. Wenn es Sinn macht, versuche ich meine Ansichten zu erklären. Ich habe Mitgefühl mit den Kindern, die nicht so behütet aufwachsen dürfen.

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