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Imago mit Kindern „Familienspiegeln“ (Teil 2)

Im ersten Teil habe ich über den Imago-Dialog mit Kindern berichtet:

Der Imago-Dialog mit Kindern

Was ist Imago-Spiegeln? Dein Gegenüber spricht, du hörst aufmerksam zu und wiederholst was du gehört hast, ohne deine eigene Meinungen zu ergänzen, ohne Vorurteile zu haben, ohne zu wissen wie es sein sollte. Nichts weglassen, nichts hinzufügen.

Heute darf ich euch ein Interview mit Florian Bösel präsentieren.

Er ist Coach und unterstützt Familien beim Familienspiegeln.

Vita

Geb. am 31. 5. 1987 in Wien

Matura 2005 am Gymnasium Stubenbastei

Schauspielstudium an der Schauspielschule Krauss 2010 abgeschlossen. Dann einige Zeit im Off Theater Bereich unterwegs.

Danach kam der Wunsch auf, Menschen im direkten Kontakt zu helfen und dabei etwas zu bewirken.

Seit 2010 Assistenzen bei Imago Paar Workshops und Generationenworkshops, unter anderem auch mit Claudia und Mikael Luciak in englischer Sprache in Stockholm, Austin und Princeton.

Von 2011-2013 als Einzelbetreuer im Kinderwohnheim Zirkelweg (in Schwechat) tätig. Arbeit mit schwer erziehbaren Kindern.

Seit 2008 Pfadfinderleiter mit Kindern im Alter von 7-10

Seit 2013 eigene Bühnenkampfworkshops z.B. in der Sir Karl Popper Schule

Seit September 2015 Arbeit Flüchtlingen im Verein „Play together now“. Sowohl als Aufsichtsperson beim Fußballtraining, als auch im Erarbeiten eines Theaterstücks („Theater der Träume“)

Seit kurzem auch eigene Kurse zum Thema Tanzmeditation.

Seit 2014 coache ich Familien im „Familienspiegeln“ und freue mich über das immer breiter werdende Interesse.

Ich freue mich sehr, Sie zu Ihrer Arbeit mit Familien interviewen zu dürfen! Vielen lieben Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen!

Zunächst würden mich Ihre persönlichen Erfahrungen mit Imago sehr interessieren.

 Abgesehen davon, dass ich bereits bei verschiedenen Therapeuten bei Paar- und Generationenworkshops assistiert habe, wo man jedes Mal auch mit eigenen Themen stark konfrontiert wird, habe ich sowohl mit meiner Mutter als auch meinem Vater bei Generationenworkshops teilgenommen und erst unlängst mit meinem Bruder bei einem Geschwisterworkshop mitgemacht.

Diese Erfahrungen als Teilnehmer haben mein Verhältnis zur anderen Person immer grundlegend verbessert. Ich spürte eine gesunde Nähe und wir hatten danach die Möglichkeit uns auf Augenhöhe zu begegnen. Die Beziehung zu meinem Vater beispielsweise war davor doch sehr symbiotisch. Das aufzubrechen war sehr befreiend für mich.

Wie genau ist der Ablauf von „Familienspiegeln“?

Die Familie kommt (vorzugsweise abends) zusammen und tauscht sich über die Ereignisse, die in letzter Zeit passiert sind aus. Ziel ist es, dass jedes Familienmitglied ein besseres Verständnis dafür bekommt, wie es den Anderen momentan geht, wo deren Probleme sein könnten, wofür sie sich begeistern und dass jeder das mit der Familie teilen kann, was er/sie möchte.

„Familienspiegeln“ folgt einem genauen Schema. Es fängt damit an, dass beide Elternteile (sofern vorhanden) jedem Kind und dem Partner/Partnerin mindestens eine Wertschätzung geben. Dies wird selbstverständlich gespiegelt (von der wertgeschätzten Person wiederholt).

Danach fängt ein Familienmitglied an von sich zu berichten. Es schildert ein Ereignis, dass unangenehm oder herausfordernd war, berichtet von einem positiven, schönen Erlebnis und formuliert anschließend ein persönliches Vorhaben, das man bis zum nächsten „Familienspiegeln“ umsetzten will. Dieses sollte erreichbar sein, aber auch eine Herausforderung darstellen. Die Vorhaben werden aufgeschrieben, sodass man beim nächsten Mal überprüfen kann ob es gelungen ist oder nicht.

  1. Negatives Erlebnis
  2. Positives Erlebnis
  3. Vorhaben

Dabei wird man von einem anderen Familienmitglied gespiegelt, welches danach fortsetzt- solange bis alle dran waren. Dabei ist zu beachten, dass die Eltern sich nach Möglichkeit nicht gegenseitig spiegeln.

Das klingt jetzt vielleicht etwas technisch, aber gerade mit Kindern ist es sinnvoll in dieser Hinsicht klare Regeln zu haben. Außerdem ist „Familienspiegeln“ so gedacht, dass ich die ersten paar Male dabei bin. Das Ziel soll aber sein, dass die Familie dies selbstständig, wenn möglich wöchentlich fortführt. Auf diese Art kommt man in einen Rhythmus, der dazu führt, dass die Kinder von immer essenzieller Erfahrungen erzählen.

Welche Schwierigkeiten können dabei auftreten?

 Meistens sind die Kinder weniger mit Imago und speziell mit dem Spiegeln vertraut. Daher kann es sein, dass sie anfangs gelangweilt oder grantig auf die ständige Wiederholung reagieren. Da braucht es Geduld. Meistens legt sich das nach einer gewissen Zeit.

Der Sinn verliert sich, wenn man nur von Erlebnissen berichtet, die, die Anderen schon kennen oder von Dingen erzählt die einen gar nicht so sehr bewegen. Aber auch das ist nur eine Frage der Zeit. Denn wenn man realisiert, dass einem wirklich zugehört und nichts kommentiert wird, erkennt man die Chance dieses Landeplatzes für die eigenen Sorgen und freut sich seinen Stolz auch über die kleinsten Erfolge zu teilen.

Oft kann es auch dazu kommen, dass Familienmitglieder zu viel über Probleme berichten, die sie miteinander haben. Speziell Themen innerhalb der Paarbeziehung sollten außen vor bleiben. Denn dafür ist „Familienspiegeln“ weniger gut geeignet. Es ist keine Therapie, sondern eine Kommunikationsform, bei der ich als Coach und Moderator agiere. Statt zu diskutieren sollte man einander darüber informieren was in einem vorgeht.

Worauf soll man im Dialog mit Kleinkindern besonders achten?

 Kleinkindern ist es klarerweise oft fremd nur auf der verbalen Ebene zu kommunizieren. Sich artikulieren zu können ist übrigens Voraussetzung. Mit Kindern unter fünf Jahren habe ich in dem Zusammenhang gar keine Erfahrung.

Wie genau unterstützen Sie die Familie dabei?

 Ich agiere, wie gesagt, als Coach und achte darauf dass alle miteinander respektvoll umgehen. Dabei kann ich dann schon auch einmal bestimmter werden, wenn sich Familienmitglieder nicht an die „Spielregeln“ halten. Zwischenrufe sind beispielsweise tabu. Dies wird dann mit einem „Upps“ meinerseits kommentiert, womit sich die betreffende Person wieder an die Regeln erinnert.

Außerdem ermuntere ich, Spaß am Teilen der Ereignisse zu haben, dabei auch in die Tiefe zu gehen und genau so zu spiegeln, dass sich der/die Andere gehört fühlt. Je nach Familie steht entweder die strenge, ordnende- oder die ermutigende, sanfte Funktion im Vordergrund.

Darüber hinaus achte ich darauf, dass das gesagte auch wirklich beim Empfänger ankommt, sodass sich der Sender auch wirklich gehört fühlt und der Empfänger verstehen kann was im Anderen vorgeht.

Denn nur wer wahrhaftig zuhört, vermag das Lied hinter den Worten zu vernehmen.

Können Sie ein konkretes Beispiel eines solchen Dialogs beschreiben?

Ich möchte gerne von einem Dialog erzählen, den ich als fünfzehnjähriger Sohn selber erlebt habe:

Meine damals sieben Jahre alte Schwester berichtete damals davon, wie sie bei einem Kindergeburtstag beim Verstecken spielen unter ein Bett kroch. Ein anderes Kind schob unabsichtlich eine Lade, die sich dort befand, soweit zu, dass meine Schwester dort eingeklemmt war. Sie beschrieb das mit den Worten: „Dann hab ich so ein komisches Gefühl im Bauch bekommen“. Meine kleine Schwester war nicht in der Lage die Angst zu benennen, aber ich fühlte durch ihre authentische Beschreibung sehr stark mit ihr mit und sagte danach noch: „Boah, das muss ja ur arg gewesen sein! Das hab ich ja gar nicht gewusst.“ Erst in der Sicherheit dieser Spiegelrunde hatte meine Schwester den Mut von dieser existenziellen Erfahrung zu erzählen. Sie gab mir damit die Chance, zu spüren, wie sie sich in dem Moment fühlte.

Eine andere persönliche Erfahrung von der ich berichten will, trug sich in etwa zur selben Zeit zu. Ich war an der Reihe und erzählte von meiner Französischlehrerin, die mir das Leben zur Hölle machte. „Am Montag hat sie mich gefragt nachdem ich diese verdammten Jahreszahlen nicht richtig vorlesen konnte: ‚Was kannst du eigentlich?!‘ Mein Banknachbar und ich machen Strichlisten wie oft sie lacht. Im Semester kommen wir auf drei Mal.“ Meine Familie lachte mit mir und konnte meine Verzweiflung gut verstehen, was für mich sehr heilsam war. Doch ich musste meinem Protest gegen diese blöde Lehrerin Nachdruck verleihen, also war mein Vorhaben für die nächste Woche: „Für die Schularbeit am Donnerstag lern ich nix.“ Meinen Eltern war klar, dass das keine nachhaltige Lösung sein konnte, trotzdem mussten sie das aushalten und zu Papier bringen. Dass mein Widerstand dermaßen akzeptiert wurde, gab mir die Chance mich dem Problem wieder ernsthafter zu stellen und mir Unterstützung von meinen Eltern zu holen.

Wie schafft man es, den Kindern zuzuhören und dabei die eigenen Gedanken, Wunschvorstellungen und Bewertungen loszulassen?

Das ist nur Übung. Man muss es sich immer wieder bewusst machen und man darf einander daran natürlich auch erinnern. Genau darin besteht ja auch der tiefere Sinn des Familienspiegelns:

Dass man lernt, den Weg, den meine Kinder gehen, immer vorurteilsfreier sehen zu können.

Dann können Kinder, davon erzählen was sie wirklich beschäftigt und können sich frei und gleichzeitig gehalten fühlen.

Was sind die Vorteile für Eltern und Kindern, wenn sie diese Art von Dialogen praktizieren?

Generell lernt man ins Land des Anderen zu Reisen und dabei die eigenen Konzepte, Vorstellungen zu parken. „Familienspiegeln“ stellt, sowohl eine Gelegenheit dar mehr aus der Welt der anderen Familienmitglieder zu erfahren, als auch etwas aus dem eigenen belastenden Rucksack auszupacken, zu teilen und ihn damit etwas leichter werden zu lassen.

Für Kinder kann es sehr wertvoll sein, schon früh auf das Mitfühlen aufmerksam gemacht zu werden. Wie der Dalai Lama sagte: „Mitgefühl ist die höchste Form von Intelligenz.“

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass durch regelmäßige Spiegelrunden, in die Familie mehr Ruhe und Sicherheit einkehrt. Gerade in großen Familien kann durch den täglichen Stress und das Gewusel einiges zu kurz kommen, was man zwischen Tür und Angel gesagt hat, aber eigentlich von Bedeutung gewesen wäre. Es schafft Bewusstsein füreinander und lässt vor allem die Familie insgesamt näher zusammenrücken.

Hat Sie eines Ihrer Coachings besonders berührt?

Vor kurzem war eine vierköpfige Familie mit Töchtern im Alter von acht und fünf bei mir. Die jüngere Tochter traute sich die erste eine halbe Stunde nicht in den Kreis. Auch mit Tricks und Lockungen aller Art habe ich es nicht geschafft sie dazu zu bewegen sich dazu zu setzen. Also wartete ich geduldig. Dann war es mir aber doch zu wichtig, dass die gesamte Familie da ist, denn auch für die andere Tochter war es unangenehm, dass ihre Schwester durch ihr rebellisch sein so viel Aufmerksamkeit bekam. Also bat ich die Mutter ein Machtwort zu sprechen, was für sie eine wichtige Aufgabe war, weil sie im Familienalltag (ihrer Meinung nach) ihrer Tochter ohnehin zu viel Freiheiten ließ.

So gelang es die Kleine in den Kreis zu holen. Sie erzählte danach sehr eindrücklich und in einfacher Sprache, dass es sie stört, dass Papa so wenig Zeit für sie hat, was der Vater sehr ruhig spiegelte. Dafür gab ich ihm am Ende auch eine Wertschätzung. Außerdem danke sie auf herzzerreißende Art und Weise ihrer großen Schwester dafür, dass sie beim Spielen mit den Puppen,“ immer so lustig die Lolly sprichst“. Danach gab uns die ältere Schwester eine Kostprobe ihrer Stimmverstellungskünste und zeigte uns wie sie die Puppe Lolly spricht wenn sie mit ihrer Schwester spielte. Dadurch waren beide sehr präsent im Raum- vor allem die Ältere weil sie nun auch den Raum bekam, der ihr so oft fehlte.

Danach hatte ich mehr als genug Gründe allen Beteiligten eine Wertschätzung auszusprechen: der Mutter dafür, dass sie ihre Tochter so klar in den Kreis holte, den Vater für seine Ruhe, die ältere Tochter für ihre große Kompetenz im Spiegeln und der Jüngsten dafür, dass sie ihre Geschichten mit uns geteilt hat. Ich war selber sehr fasziniert, wie hier die Rechnung fast wie von selbst aufging.

Haben Sie noch ein Schlusswort für uns?

Ich bin froh, dass ich das „Familienspiegeln“ zu meiner Arbeit gemacht habe. So kann ich meine Erfahrungen, die ich als Jugendlicher gemacht habe, als Erwachsener mit der Welt teilen und die Welt um diese neue Facette reicher machen.

Gerade in Zeiten, wo Familien oft zerstreut oder zerstritten sind und wo Patchworkfamilien immer häufiger werden, sehe ich mich dazu berufen mehr Klarheit, gegenseitigen Respekt und Verbundenheit in Familienstrukturen zu bringen.

 Dankeschön für das aufschlussreiche Interview!

Eine kurze Zusammenfassung von „Familienspiegeln“ für alle die neugierig geworden sind und es ausprobieren möchten.  –> Leitfaden (PDF)

Hier ist die Website von den Bösels (Familienspiegeln) http://www.boesels.at/leistungen/dialog-in-der-familie

Alles Liebe

Andrea

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Ich bin eine (meist) glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, die innere Welt der Kinder, sowie THE WORK sind meine Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ich mag dabei helfen, dass ihr euch mit eurem kleinen Menschen wieder verbinden könnt!

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