Innere Welt der Kinder
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Lob schadet dem Selbstbewusstsein deines Kindes

 

Das hast du fein gemacht!

Das hast du ganz toll gemalt!

Du hast super aufgeräumt!

Ganz prima hast du Gitarre gespielt!

Viele meinen, solche Aussagen sind gut für das Selbstbewusstsein unserer Kinder.

Lob kann doch nicht falsch sein?

Doch. Lob schadet.

Lob als Antwort auf ein Geschenk

Stell dir vor, ein junger Mann hat für seine Frau ein geniales Essen gekocht. Er deckt detailverliebt den Tisch. Keine Mühen scheut er, um seine Herzensdame zu überraschen. Mit Herzklopfen empfängt er seine Liebste an der Tür und begleitet sie an den Tisch.

Seine Frau sieht sich alles an und sagt: „Ja, toll hast du den Tisch gedeckt!“. Er ist etwas irritiert und serviert seine weltberühmten Spaghetti Carbonara. Sie beginnen genüsslich zu essen. Am Schluss sagt sie überschwänglich: „Das hast du gut gemacht! Vielleicht klappt es das nächste Mal wieder so gut!“

Hm, irgendwie fühlen sich die Worte der Frau gar nicht gut an, oder? Lob schadet dieser Beziehung.

 

Und jetzt stell dir als Alternative vor…

Seine Partnerin sieht ihm nach dem Essen liebevoll in die Augen und sagt: „Ich freu mich voll, dass du dir für mich so viel Mühe gemacht hast. Ich liebe es, wenn der Tisch schön gedeckt ist. Und die Spaghetti haben mir so geschmeckt! Danke, dass du für mich gekocht hast!“

Erkennst du den großen Unterschied?

Im ersten Beispiel kamen die Worte seiner Partnerin von oben herab. Sie  bewertete seine Arbeit. Außerdem hat sie nichts über sich selbst erzählt. Der Mann fühlte sich wahrscheinlich schmerzhaft manipuliert, weil sie mit ihrem Lob erreichen wolle, dass er wieder kocht. Es gab keine liebevolle Beziehung zwischen dem Pärchen. Sondern Bewertung und Manipulation. 

Im zweiten Beispiel erzählt die Frau, was in ihr ist. Keine Bewertungen stehen im Raum. Sie bleibt in ihren Angelegenheiten und versucht ihn nicht zu manipulieren. Sie bedankt sich von Herzen. Das Paar ist auf Augenhöhe. Man spürt beiderseitige Wertschätzung.

 

Und jetzt springen wir in eine Situation mit deinem Kind:

Freudestrahlend läuft es dir entgegen. In seiner Hand hält es ein selbst gemaltes Bild. Dein kleiner Mensch reicht dir sein gemaltes Bild und sieht dich erwartungsvoll an: „Mama, schau! Das ist für dich!“

Widerstehen wir dem Drang, dem Bild eine Note zu geben, indem wir loben (“Das hast du gut gemacht”, usw.). Dein wunderbares Kind schenkt dir sein Bild, es will dir eine Freude machen. Es will nicht hören, ob das Bild gut oder schlecht gemalt ist.

Wie wäre es, wenn wir das aussprechen, was gerade in uns ist:

  • „Oh, vielen Dank. Ich freu mich, dass du mir das Bild schenkst! Und ich fühle mich gerade ganz wertvoll für dich.“
  • Oder: „Ah, du hast einen Elefanten für mich gemalt! Danke!“
  • Oder: „Danke, für das Bild. Und dafür, dass du dich für mich so bemüht hast!“
  • Oder: „Für mich? Danke! Magst du mir sagen was das Grüne in der Ecke ist?“
  • Oder: „Mir gefällt diese bunte Vielfalt in deinem Bild. Zeigst du mir, wie du das gemalt hast?“
  • Und wenn da nix in dir ist, reicht ein authentisches DANKE! 😉

Noch ein Beispiel:

Dein Kind klettert mit viel Mühe die Rutsche hoch. Es streckt seine Ärmchen in die Luft und ruft: „Mama, schau!“ Der erste Impuls ist: „Gut gemacht“ oder „Toll bist du hochgeklettert!“, in Richtung Kindes zu rufen. Wir wissen ja, dass Lob schadet!

 

Widerstehe dem Impuls und halte inne

Schau deinem Kind in seine freudestrahlenden Augen. Siehst du in dir eine Notenskala 1 = Super, 2=Toll, 3=Gut?

Nein! Du spürst vielleicht eine Freude im Bauch. Du erinnerst dich wahrscheinlich, wie es ist, etwas zum ersten Mal zu schaffen. Und vielleicht spürst du einfach nur die Liebe zu deinem Kind. Oder, du siehst dein Kind einfach nur. Oder, willst deinem Kind einfach nur ein „High five“ geben.

  • „Wow, wenn ich dich da oben sehe, habe ich eine große Freude im Bauch!“
  • „Ja, mein Schatz! Ich sehe dich!“
  • „Hey, ich sehe, dass du voll freust, dass du es geschafft hast! Stimmt das?“
  • „Ich hab dir zugesehen, du hast dir so viel Mühe gegeben und jetzt hast du es geschafft!“
  • „Gib mir Fünf!“

Feedback

Mit zunehmendem Alter wollen Kinder echtes Feedback von uns. Doch, kein Kleinkind oder jümgere Schulkinder wollen eine Benotung ihres Tuns. Sie wollen nur gesehen werden. Sie wollen wissen ob sie unser Leben bereichern. 

„Schau mal was ich gemalt habe“, ist keine Aufforderung zum Feedback geben! Das Kind will gesehen werden!

„Wie gefällt dir mein Bild“, bedeutet bei kleinen Kindern meist: „Wie gefalle ich dir?“ Sie können zwischen ihrem Tun und ihrem Sein nicht unterscheiden. Sie wollen wissen ob sie unser Leben bereichern und bedingungslos geliebt werden. 

Ab dem späteren Schulalter können Kinder zwischen sich (ihrem Sein) und ihrem Tun unterscheiden. Sie haben den Perspektivenwechsel vollzogen. Ältere Kinder wissen, dass sie als Individuum existieren. 

Wenn mich mein älteres Kind um Feedback fragt: „Wie findest du meine Zeichnung“, begnüge ich mich nicht mit leeren Phrasen. Ich sage klar, was ich mag und was nicht und warum. Ich erzähle von mir und meinen Gedanken, anstatt mich im Allgemeinen zu verlieren. Natürlich betone ich, dass das meine persönliche Meinung ist.

„Ich mag die bunten Farben in deinem Bild. Für mich stahlt das Freude aus. Und die gelbe Sonne strahlt so hell.  Die schwarz angezogenen Männer mit den roten Augen in der Ecke finde ich gruselig. Magst du mir mehr über dein Bild erzählen?“

Wieder verfalle ich nicht ins Benoten. Sondern sage meine ganz persönliche Meinung. Ich lebe Beziehung. Anstatt von oben herab zu bewerten. 

 

Lob-empfangen als Sucht

Wissenschaftlich erklären kann man diese psychische Sucht so: Im Belohnungszentrum des Gehirns werden direkt nach dem Lob das Glückshormon Dopamin und körpereigene Opiate und Oxytocin ausgeschüttet und das führt zur Entspannung und zu Glücksgefühlen.

Die Folge ist, dass das Kind immer mehr nach außen gerichteter wird. Es macht die Dinge lediglich, um gelobt zu werden und nicht um seiner selbst willen. Es lechzt förmlich nach Lob.

Und wenn das Kind nur aufgrund von äußeren Anreizen motiviert ist, wird es von anderen abhängig, die sein Verhalten mit Anreizen steuern. Sie werden zu Kindern, die sich selbst nicht vertrauen und spüren. Sie brauchen ständig die Bestätigung im Außen: „Wie hab ich das gemacht“, „Ist das gut so“, „Hab ich das gut gemacht?“…

 

Lob als Motivation

Viele loben um das Kind zu weiteren Leistungen zu motivieren. Ich empfinde dies als sehr manipulativ und berechnend. Kinder sind keine Marionetten, sondern Menschen! Im Beispiel ganz oben würde sich der Mann entwertet oder verarscht fühlen, wenn seine Frau ihn lobt, damit er morgen wieder kocht. Sie könnte mit ihrem Mann auch eine Abmachung treffen, wer wann kocht, anstatt Spielchen zu spielen.

Wenn Lob der einzige Anreiz ist, dann ist die Handlung davor meist leer. Unser Kind verliert so die Liebe zu seinem Tun, denn alles wird nur für ein Lob gemacht:

  • Das Kind malt nicht, weil es Freude an den Farben und am Kreativ sein hat, sondern um von Papa ein „Super!“ zu hören.
  • Der kleine Mensch baut seinen Turm aus Bauklötzen nicht, weil es ihm Freude bereitet diese aufeinander zu legen und zu experimentieren, sondern um ein „Toll!” von Mama zu bekommen.
  • Das Kind liest nicht, aus Freude am Lesen, sondern weil es ein “Sternchen” von der Lehrerin haben möchte.

So verlernen unsere Kinder die eigene innere Motivation, die von Anfang an ihn ihnen angelegt ist. Und ihre Handlungen werden leer.

 

Lob als Liebesbeweis

Mama: „Brav hast du mit dem anderen Kind geteilt“, kann für ein Kind bedeuten:

  • „Ich finde dich gut, weil du teilst.“, und das wiederum kann implizieren:
  • „Ich finde dich nicht gut, wenn du nicht teilst.“ Und daraus könnte das Kind im schlimmsten Fall den folgenschweren Eindruck gewinnen:
  • Ich bin nicht gut, wenn ich nicht teilen will.“

Kinder können ihre Taten praktisch nicht von ihrem Sein trennen. In den ersten Jahren denken sie noch, sie seien eins mit der ganzen Welt. Sie meinen zum Beispiel, dass ihre Bezugspersonen und sie eins sind. Das liegt (vereinfacht) daran, dass die rechte und die linke Gehirnhälfte noch nicht richtig vernetzt sind.

In den ersten drei Jahren denken Kinder fast nur mit der rechten Gehirnhälfte. Sie leben deshalb völlig im Jetzt. Sie bestehen also quasi nur aus ihren Gefühlen, welche sie so gut wie gar nicht steuern können. Logik, Verantwortlichkeiten und Zeit existieren für sie nicht, denn das ist der Job der linken Gehirnhälfte und diese ist, wie gesagt, in dieser Zeit nur rudimentär vernetzt.

(Bei Menschen, deren rechte Hemisphäre die sprachdominante ist, sind die Funktionen jeweils spiegelbildlich vertauscht. Meist sind sie dann Linkshänder.)

Und auch danach können wir nicht erwarten, dass das Kind plötzlich wie ein Erwachsener denkt. Mein Sohn glaubte zum Beispiel noch mit 5 Jahren, dass mir ebenfalls schwindlig ist, wenn er sich dreht. Er denkt also in vielen Momenten noch, dass wir beide eins sind. Und somit auch sein Tun und sein Sein.

Lange Rede kurzer Sinn: Der tiefliegende Glaubenssatz „Ich bin falsch.“ könnte also hier den Ursprung haben. Ich weiß ich wiederhole mich, doch Lob schadet so sehr. Bedingungslose Liebe geht anders. Ich liebe dich nicht mehr oder weniger, je nachdem was du tust oder nicht tust. Ich liebe dich einfach, denn Liebe hat keine Bedingungen.

Alles andere ist keine Liebe, sondern ein Geschäft: Nur wenn du so bist, wie ich dich haben will, dann liebe ich dich.

 

Bereicherung unseres Lebens

Was wäre, wenn wir unserem Kind anstatt es zu loben, authentisch sagen, wie sehr es unser Leben bereichert?

  • Wenn du mich umarmst, kribbelt es in meinem Bauch vor Glück!
  • Wenn du mich anlächelst, dann kann ich nicht anders als zurückzulächeln!
  • Ich bin so froh deine Mama (Papa) zu sein!
  • Mein Herz klopft schneller, wenn du „Ich hab dich lieb!“, sagst!
  • Ich höre dir so gerne zu! Ich liebe dich, genauso wie du bist!
  • Wir beide gehören zusammen und ich hab dich für immer lieb!
  • Du bist etwas ganz Besonderes für mich! Ich bin so glücklich, dass es dich für mich gibt!

Ich denke, die Folge wäre eine liebevolle Verbindung zwischen dir und deinem Kind. Und ich meine das ist es, wonach sich unser Herz und auch das Herz unseres Kindes sehnt!

Alles Liebe 

Andrea

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