Selbstfürsorge

5 Schritte um deine Wut zu zähmen

5 Schritte um deine Wut zu zähmen

 

Es gibt Tage, an denen mein Sohn frühmorgens beginnt, alles blöd zu finden was ich anbiete, sage oder mache.

  • “Wäh, ich will das andere Müsli.”
  • “Ich will jetzt nicht rausgehen!”
  • “Ach, der Dinosaurier soll nicht hier stehen, sondern dort!”
  • “Ach, du sollst nicht die Karte ausspielen, sondern diese!”
  • “Du hast mir die falsche Hose hingelegt!”

Spätestens nach 10 solcher Aussagen explodiert in meinem Bauch ein Wut-Feuerwerk.

“Kann man dir denn heute gar nichts recht machen?!”

Ich schreie, bevor mein denkendes Gehirn kluge Überlegungen anstellen kann. Zuerst passiert die emotionale Reaktion, dann erst folgt das Denken. Leider. 

Mein Kind ist aber nur der Auslöser meiner Wut, jedoch nicht der Grund.

Das limbische Gehirn ist nicht linear und logisch. Es vernetzt Ereignisse unabhängig von der Zeit. Ereignisse, die ähnlich bewertet werden, schnürt es zu einem Paket. Innere und äußere Bilder ordnet es einem Gefühl und einer Körperempfindung zu. Das limbische System ist ein Frühwarnsystem für gefährliche Situationen. Es verknüpft das jetzige Erleben mit der Vergangenheit. Dies alles läuft blitzschnell und ohne zu denken ab.

Wir sind im Jetzt, doch unser Erleben ist mit einem Ereignis unserer Vergangenheit gekoppelt.
Wir werden zu dem, der wir in der Vergangenheit waren und haben die gleichen, begrenzten Fähigkeiten und Emotionen, wie – zum Beispiel – das 6-jährige Kind, entsprechend der damaligen Situation.

Mein inneres Sicherheitssystem aktiviert jene Reaktionen, die mir damals als sinnvoll erschienen, um damit klar zu kommen. Damals war mein Verhalten sinnvoll.

Also, alle irrationalen Gefühle, die wir erleben, welche wir der Gegenwart zuordnen, stammen in Wirklichkeit aus unserer Vergangenheit.

Der Mandelkern im Hirn sagt dir: “Damals warst du wütend und jetzt erlebst du genau dasselbe. Pass auf, deine Bedürfnisse werden bedroht! Jetzt musst du dich in Sicherheit bringen, angreifen oder dich tot stellen.”

Ziel ist es also, das alte Erleben mit einem heute angemessenen Reaktionsmuster zu verknüpfen. Dies kann ich schaffen, indem ich mir die Situation nochmals ins Gedächtnis rufe. Gerade bei Konfliktsituationen mit meinem Kind, die sich immer wiederholen, macht dies Sinn.

Wichtig: Mache die folgende Übung nicht wenn du auf 180 bist, sondern erst nachdem deine Wut abgeklungen ist!

5 Schritte zum inneren verletzten Kind

 

1. BEOBACHTUNG

Was ist jetzt gerade passiert? Was nehmen meine Sinne wahr?
Ich bewerte die Situation nicht. Ich höre meinen Sohn sagen “Du hast mir die falsche Hose hingelegt.”

2. GEFÜHL

Welches Gefühl wird dadurch ausgelöst?
Ich nehme meine Wut wahr, die ich in meinem Bauch spüre. Auf meiner Wutskala, von 0 (keine Wut) bis 5 (große Wut), ist es eine klare 4.

Die Situation kann ich mir jetzt genau ansehen. Ich mag meinen Sohn nicht anschreien, ich will ihm stattdessen respektvoll begegnen. Er mag die Hose nicht. Na und? Ich verstehe, dass er nichts anziehen will, was ihm nicht gefällt.

Wenn ich mich mit meinem unerfüllten Bedürfnis nach Wertschätzung verbinde, nehme ich eine Enttäuschung wahr.
Ich übernehme die Verantwortung für mein unerfülltes Bedürfnis und werde mir bewusst was ich in dieser Situation brauche.

Die Worte meines Sohnes aktivieren mein Sicherheitssystem im limbischen Gehirn, weil diese Worte (bzw. diese Situation) mit einem früheren Ereignis verbunden sind.

Deshalb ist es möglich, dass durch Worte oder Situationen ein Stimmungswechsel von absoluter Ruhe zur lichterloh brennenden Wut entsteht. Es ist ein unwillkürliches Wutmuster, welches ich verstehen und beeinflussen will.

3. EMPFINDUNGEN IM KÖRPER

Wo spürst du deine Wut?

Mit dem Erleben eines Gefühls, haben wir gleichzeitig eine Empfindung im Körper, jeder Mensch hat seine Eigenen. Manche Menschen fühlen die Wut im Bauch, andere wiederum im Hals, der Brust oder an einer anderen Körperstelle.

Wie ist deine Empfindung?

Diese Körperempfindungen haben ihren eigenen Ausdruck. “Wie ein Stein im Bauch”, “Als, ob sich alles in mir verdreht und gleichzeitig auseinandergezogen wird.”, “Wie, wenn sich alles zuschnürt.”, “Wie ein Zerschmettern.”, “Also, ob ein Wirbelsturm in mir tobt.”

Die Aufmerksamkeit lege ich jetzt genau auf den Ort und die Empfindung meiner Wut. Das erfordert ein bisschen Mut, denn normalerweise tendieren wir dazu, diese Körperempfindung möglichst nicht zu spüren.

Ich konzentriere mich also ausschließlich auf diese Körperempfindung, der Auslöser spielt für den nächsten Schritt keine Rolle.
Meine Wut spüre deutlich in meinem Bauch, sie fühlt sich an, als würde darin etwas zerschmettert werden.

4. BELIEBIGE GESCHICHTE AUS DER KINDHEIT

Ich lasse meinen Geist frei und schicke ihn auf die Suche nach einer ähnlichen Situation aus meiner Kindheit. Mein logisches Denken wäre damit überfordert. Freudig und gespannt warte ich ab, welches Erlebnis als erstes auftaucht.

Mein Unterbewusstsein schickt mir genau die richtige Erinnerung, auch wenn mein Verstand den Zusammenhang vorerst nicht finden kann. Doch es lohnt sich die erste Erinnerung zu nehmen.

Meine erste Situation, die mir einfällt ist:
Ich bin gerade fertig mit dem Bügeln von einem riesigen Wäscheberg. Alle Kleidungsstücke sortiere ich in den Schrank meiner Eltern. Meine Mutter kommt ins Zimmer und sagt: “Die Unterhosen sind ja alle ganz falsch zusammengelegt.”

Das 12-jährige Mädchen, welches ich in diesem Moment war, fühlte sich nicht wertgeschätzt. Sie fühlte sich, als wäre sie nicht gut genug.

In meinem Erleben war es also, als würde dieses Erlebnis von damals, genau jetzt, in der Gegenwart passieren.

5. EMPATHIE FÜR MEIN INNERES KIND

Ich bin erwachsen, deshalb kann ich dem 12-jährigem Mädchen (welches ich damals war) die passende Empathie geben. Ich gehe also zurück in die Vergangenheit, genau in diese Situation. Nach den Worten meiner Mutter, komme ich, als Erwachsene, in den Raum.

Ich vermittle zwischen mir, als Kind und meiner Mutter. (I = ich ,als Erwachsene; K = das 12-jährige Kind, welches ich damals war; M = meine Mutter)

I: “Bist du enttäuscht, dass deine Mama nur den Fehler an deiner Arbeit sieht?”

K: “Ja, ich habe mich so bemüht alles zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen. Ich dachte sie freut sich.”

I: “Ich frage deine Mama.“
“Dir ist Ordnung sehr wichtig. Meinst du, sie sieht ihren Fehler nicht, wenn du ihr Bemühen wertschätzt? Zeigst du deshalb deine Freude über ihre Arbeit nicht?”

M: “Ja genau, ich will, dass sie lernt Ordnung zu schaffen, damit sie es im späteren Leben leichter hat.“

I: “Weißt du, Andrea will bestimmt alles so machen, dass du mit ihr zufrieden bist. Doch sie möchte auch deine Freude über ihre Bemühungen erfahren. Du musst sie nicht verstecken, sie wird trotzdem erfahren, wie wichtig dir Ordnung ist.”

M: “Das klingt logisch.”

I: “Magst du Andrea sagen, dass du dich über ihre Bemühungen freust und dass sie dir mit ihrer Arbeit hilft?”

Nachdem meine Mutter, meinem inneren Kind ihre Dankbarkeit und Freude über ihre Arbeit ausdrückt, strahlt mein inneres Kind vor Freude.

Nach dieser inneren Vorstellung kann ich spüren wie pure Freude durch meinen Körper fließt. Ich weine vor Rührung. Die Erleichterung ersetzt mein zerschmetterndes Wut-Gefühl in meinem Bauch. Ich atme mit dem neuen Gefühl „Erleichterung“ in mir, tief ein und wieder aus.

Willkommen in der Wirklichkeit

Die Wutskala zeigt nun 0 an, wenn ich an die erlebte Szene mit meinem Sohn denke.

Ich sage mir: „Mein Sohn wollte diese Hose nicht anziehen. Doch das heißt nicht, dass ich falsch bin, es war nur die Hose, die für ihn falsch war.“

Schreib die Vergangenheit neu

Ich habe der Kritik meiner Mutter damals die Bedeutung gegeben, dass ich falsch bin. Das war meine Wirklichkeit. Ich fühlte mich ungeliebt und wertlos für meine Mutter.

Die Vergangenheit existiert nicht. Sie ist als Solche nur im Gehirn gespeichert, mit allen Teilen des damaligen Erlebens: Der Angst nicht zu genügen, dem Gefühl in meinem Bauch, die Überzeugung “falsch” zu sein.

Die erlebte Gegenwart greift auf die Vergangenheit zurück und erzeugt eine vorgestellte Zukunft

Mithilfe der 5 Schritte schreiben wir die Vergangenheit neu. Im Gehirn wird gespeichert: „Ich bin als Mensch in Ordnung, wenn ich Bedürfnisse habe.” Dieses hinzuschalten der neuen Erkenntnis, wird in der Gegenwart erlebt, indem sich der Körper entspannt, aufrichtet oder auf eine andere Art und Weise positiv verändert. Meine Ohnmacht wird durch die erlebte Empathie ein Stück weit geheilt.

Ich praktizierte diese Übungen mehrere Male. Seitdem kann ich mich viel schneller (in einer solchen Situation) mit meinem Sohn verbinden, denn mein inneres Kind habe ich schon zuvor versorgt. Ich verknüpfe damit keine vergangenen Ereignisse mehr und kann die Realität besser sehen.

Wenn du eine sehr schwierige Kindheit hattest, mach diese Übung nicht alleine! Es wäre gut, wenn du dir professionelle Hilfe dazu holst.

Alles Liebe

Andrea Schiefer

Ich begleite dich gerne in eine liebevolle Beziehung zu deinem Kind! 


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Kategorie: Selbstfürsorge

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Ich bin eine (meist) glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, die innere Welt der Kinder, sowie THE WORK sind meine Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ich mag dabei helfen, dass ihr euch mit eurem kleinen Menschen wieder verbinden könnt!