Wutbewältigung für Eltern

Wie kann ich meine Wut kontrollieren?

  1.  
Von 180 auf null – Wie kann ich nur meine Wut kontrollieren? 

„Mama, wenn du wütend bist, redest genauso, wie die böse Hexe, vor der ich mich so fürchte.“ Mein Sohn hatte damals furchtbare Angst vor Hexen. Jeden Abend mussten wir das ganze Haus nach bösen Hexen durchsuchen, damit er beruhigt einschlafen konnte. Jetzt war es raus. Ich (im wütenden Zustand) ähnelte einer Figur, die ihm Angst einjagt. Ab diesem Zeitpunkt herrschte nur eine Frage in meinem Kopf: Wie kann ich meine Wut kontrollieren? 

Jesper Juul sagt, dass es vollkommen in Ordnung ist, seinen Ärger authentisch zu zeigen. Man solle aber bei sich bleiben und in der Ich-Form sprechen. Also, für sich sprechen und nicht gegen das Kind.

Doch wenn ich wütete …

gab ich meinem Sohn die Schuld, völlig unreflektiert kämpfte ich gegen mein kleines Kind. Ich schrie ihm Dinge entgegen, wie: „Kannst du nicht einmal aufpassen!“, „Du nervst mich schon die ganze Zeit!“, „Bist du jetzt vollkommen blöd?“ oder noch Schlimmeres.

Es schien so, als könnte ich (im wütenden Zustand), ab einem bestimmten Punkt nicht mehr denken. Die gemeinen Worte stürzen aus meinem Mund, wie das Wasser der Niagara-Fälle. Als würde die Wut den Weg zu meinem Herzen verstopfen.

Doch in Wirklichkeit bin ich gar kein Opfer meiner Wut.

 

„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

(Viktor Frankl)

 

 

Wenn wir diesen Raum betreten, reagieren wir nicht mehr blind auf den Reiz, sondern erhalten unsere Handlungsfähigkeit zurück. Wir haben die Freiheit, auf das Leben zu „antworten“ anstatt nur zu „reagieren“. Nun können wir kluge Entscheidungen treffen.

Doch wie öffne ich einen solchen Raum? Und wie kann ich meine Wut kontrollieren? 

Ganz einfach: Mit einer Pause.

Ich nutze diese Pause, um wieder zurück zu mir selbst zu finden. Dies ermöglicht mir, wieder die zu werden, die ich eigentlich bin. Es gibt viele Schlüssel, um diesen Raum zu öffnen. Heute stelle ich euch 6 davon vor mit welcher ihr eure Wut mit sofortiger Wirkung kontrollieren könnt:

Deine 6 Schlüssel für den Raum der Freiheit – Wie kann ich nun meine Wut wirklich kontrollieren? 

Tipp 1: Der Herzschlüssel

Mein Sohn und ich dachten uns gemeinsam einen Namen für den Herzschlüssel aus. Mein Sohn liebt Zebras und mir war das Atmen (zum Runterkommen) wichtig, also hieß unser Wort „Zebra-Atmen“.

Ich erklärte ihm, dass er dieses Wort aussprechen soll, wenn sich die Mama-Augen in Hexen-Augen verwandeln. Also immer, wenn ich anfing zu wüten. Wann immer er dieses Wort sagt, höre ich sofort auf zu sprechen (schreien). Ich lege meine Hand auf mein Herz und nehme meinen Herzschlag wahr: Schlägt es schnell oder langsam? Ich atme in mein Herz. In mein Herz, welches meinen Sohn liebt und ihm niemals Angst machen oder ihn mit Worten verletzen will.

Und schwups, ist da die Pause, die mir die Freiheit gibt, mich zu entscheiden, wie ich sein will. Anfangs übten wir diese Vorgehensweise fleißig. Ich tat so, als würde ich ihn anschreien. Er sagte anfangs noch ganz zögerlich unser Wort: „Zebra-Atmen“. Ich legte sofort meine Hand auf mein Herz und atmete. Ich sage dann: „Danke, dass du mich erinnert hast, welche Mama ich eigentlich sein will!“

In Konfliktsituationen, in denen ich merke, dass es jetzt wieder in Richtung böse Hexe geht, sage ich mir das Wort „Zebra-Atmen“ selbst oder mein Sohn kommt mir zuvor.

Die Verantwortung bleibt immer bei mir

Nein, es geht nicht darum, die Verantwortung für mein Handeln an mein Kind abzugeben. Ich alleine bin dafür verantwortlich! Dieser Herzschlüssel gibt meinem Kind die Möglichkeit, aus seiner Hilflosigkeit herauszukommen. Er bekommt ein Werkzeug, um auszudrücken: „Mama, das fühlt sich alles gerade ganz schlimm für mich an, hilf mir!“

Ich halte den Herzschlüssel immer ein, egal wie sehr ich mich im Recht fühle. Denn sonst wird mein Kind es nicht wieder versuchen, ihn anzuwenden.

In meiner Wut bin ich nicht ich selbst! Nach dem „Zebra-Atmen“ kann ich wieder bei mir bleiben. Ich kann respektvoll sagen, was mir nicht passt. Ich finde mit meinem Kind gemeinsam eine Lösung. So kontrolliere ich meine Wut mithilfe meines Versprechens an meinen Sohn. Mit Kindern ab ca. 2 Jahren kann man den Herzschlüssel ausprobieren.

Tipp 2: Die Wolfsshow

In dem Moment, wo ich gerade losschreien will, schließe ich meine Augen und starte meinen inneren Wut-Film:

Ich schreie jedes Wort aus mir raus, welches mir im Moment in den Sinn kommt: „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ Ich bin gemein, verletzend und ungerecht. „Nie kann man es dir recht machen, du bist so undankbar!“, „Am liebsten würde ich auf der Stelle davonlaufen und dich hier alleine sitzen lassen“.

Meine Stimme lässt den ganzen Raum beben. Als krönenden Abschluss schmettere ich den Fernseher an die Wand.

Diesen Film erlebe ich aber nur in meinem Inneren, mein Körper steht in der Zwischenzeit mit geschlossenen Augen völlig ruhig da. Ich spreche kein einziges Wort laut aus.

Nach der Wut-Show werde ich wieder zu mir selbst katapultiert. Ich kann wieder denken, ich kann meine persönlichen Grenzen in einer Art und Weise ausdrücken, welche mein Kind weder ängstigt noch verletzt.

Tipp 3: Raum für die Wut

Gefühle steigen langsam in ihrer Intensität an, bis zu ihrem Höhepunkt. Sie werden ohne unser Zutun wieder weniger, bis sie ganz abebben. Nur unsere Gedanken ziehen die Wut in die Länge. Also warte ich einfach ab, bis sich die Wut von selbst auflöst. 

Ich übe mich in Achtsamkeit. Anstatt loszubrüllen, umarme ich mich selbst. Ich gehe ganz in meine Körperwahrnehmung. Dann lokalisiere ich meine Wut. Wo sitzt sie? Im Bauch? In meiner Brust? In meinem Kopf? Jetzt kann ich nachschauen, wie sie sich anfühlt oder was sie bewirkt. Fühlt sie sich wie ein Druck auf meiner Brust an? Schnürt sie mir die Kehle zu? Was macht die Wut mit meinem Atem? Atme ich ganz flach?

Ich erlaube meiner Wut, sich in meinem Körper auszudehnen. Sie wegzudrücken würde bewirken, dass sie wächst und unkontrolliert aus mir herausschießt. Wenn die Wut in meinen ganzen Körper fließt, kann ich meist spüren, wie sich langsam der Druck in mir löst. Mein Atem wird tiefer, weil die Wut nicht mehr zentriert auf meiner Brust sitzt.

Jetzt beginnt die Wut weniger zu werden. Sie durfte sich in mir zeigen, jetzt kann sie sich von mir lösen. So kontrolliere ich mein Wut mithilfe von Achtsamkeit.

Danach fühle ich mich stark. Ich bin wieder zurück von einer Reise zu mir selbst. Die Wut hat eine Kraft in mir hinterlassen, welche mir hilft, für mich zu sprechen anstatt gegen mein Kind. 

Tipp 4: Wutschutz-Mantra

Sobald wir uns unsere Wut erlauben, muss sie nicht explodieren, um gesehen zu werden. Ich sage mir ein Mantra, wie zum Beispiel: „Ich sehe meine Wut – Ich schütze mein Kind“. Diesen Satz sage ich mir laut oder in meinem Inneren, solange bis ich wieder klar denken kann. Mein Sohn nennt es „Wutschutz“.

Diese Worte klingen anfangs wie ein Donnerwetter. Meine Stimme ist hart und ich presse die Worte aus mir heraus. Meine Worte werden immer lauter. Ich nutze diese Worte wie ein Ventil, durch welches meine Wut aus mir herausströmen darf.

Nach dem Höhepunkt der Wut (meine Stimme klingt dann wie die von Rumpelstilzchen), merke ich, wie mein Mantra immer melodischer klingt, bis es mit einem sanften, liebevollen Ton endet.

Durch das Wiederholen, das Annehmen der Wut und die Erinnerung, dass mein Kind schutzbedürftig ist, komme ich in einen Raum, wo ich frei entscheiden kann, was ich sage und wie ich es sage.

Tipp 5: Selbstempathie

Rache schwingt bei Wut oft mit. Nach der „Tat“ des Kindes will man unbewusst, dass sich sein Kind genauso schlecht fühlt wie man selbst. Man sagt fiese Dinge wie: „Dann spiele ich heute nichts mehr mit dir.“, „Jetzt hab ich dich nicht mehr lieb!“, oder „Jetzt kriegst du keine Nachspeise!“. Viele strafen ihr Kind aus diesem Grund. (Strafen und Liebesentzug sind meiner Meinung nach inakzeptabel in vielerlei Hinsicht!)

Bei Rache ist das unbewusste Ziel aber nicht, einem anderen weh zu tun, sondern einzig und alleine tief verstanden zu werden.Der andere soll meinen Schmerz sehen und verstehen. Wie kontrolliere ich also meine Wut?  Ich selbst kann für mich da sein. Ich kann meinen Schmerz sehen. Ich kann mich verstehen und mir Selbstempathie schenken. Wenn meine Wut am Dampfen ist, halte ich  inne. 

Ich frage mich liebevoll

Was ist los mir? Was kränkt mich? Was brauche ich jetzt? Ich umarme mich sanft und sage zu mir selbst: „Ach, du hast dir das alles ganz anders vorgestellt. Du hast dich so bemüht pünktlich zu sein und jetzt will er sich einfach nicht anziehen. Es ist dir so wichtig pünktlich zu sein.“ oder „Jetzt bemühst du dich schon den ganzen Tag, um die schlechte Laune deines Kindes zu verbessern. Doch nichts kannst du ihm recht machen. Das ist so gemein! Du hast dich so auf einen schönen Tag gefreut und jetzt ist alles so blöd.“ 

Du siehst dir die Verletzung an, auf welche dich deine Wut hinweisen wollte. Du musst jetzt keinem mehr wehtun, damit er dich versteht, denn du hast dir Selbst- Empathie geschenkt. 

Tipp 6: Wutfrosch

Das Gefühl der Wut erzeugt unsagbare Kräfte in uns. Diese Kräfte benötigten wir in der Steinzeit, um unser Leben zu schützen. Heutzutage ist es wichtig, diese angestaute Energie freizulassen, und dazu ist körperliche Bewegung nötig. Doch in einer Wut-Situation können wir unserem Kind schwer sagen: „Du, ich gehe kurz zum Sport, damit ich meine angestauten Wut-Energien loswerde!“

Stattdessen springe ich. Ja, du hast richtig gelesen, ich springe wie ein Frosch – ein Wutfrosch. Auf und ab. Und zwar so lange, bis all meine Wut aus meinem Körper herausgeflossen ist. Ich finde es befreiend, meine Wut auf diese Art und Weise zu spüren und sie dann wieder loszulassen.

Anfangs sind meine Sprünge sehr kräftig, langsam nimmt die Intensität ab, bis es nur noch sanfte Hopser sind. Mein Sohn hat sich den Wutfrosch von mir abgeschaut. Wenn er wütend ist, stampft er seine Wut ebenfalls in den Boden. So ist auch seine Wut unter Kontrolle. 

Vorbild sein indem ich meine Wut kontrolliere

Unsere Kinder schauen sich alles von uns ab. So auch den Umgang mit Wut! Wenn du es schaffst, deine Wut nicht gegen dein Kind zu richten, lernt dein Kind, wie man seine Wut ausdrücken kann ohne jemanden zu verletzten. Ich finde es so wichtig, dass Wut ausgedrückt wird, anstatt sie runterzuschlucken, wo sie uns dann innerlich zerfrisst. 

Es war nicht okay, wie ich dich behandelt habe! 

Nein, ich schaffe es nicht immer, meine Wut zu kanalisieren. Wenn ich explodiere, sage ich meinem Kind, dass mein Verhalten nicht ok war. Ich übernehme die Verantwortung für das Geschehene. Dazu gehört auch, dass ich mir selbst vergebe. Denn Schuldgefühle, die in der Beziehung zum Kind mitschwingen, wirken sich meist negativ aus. Das Kind spürt, dass etwas nicht stimmt, und denkt im schlimmsten Fall, dass es selbst „falsch“ ist. 

Wut hat Sinn

Wenn du täglich viele Wutanfälle hast, dann bist du in Not! Neben der Frage „Wie kann ich meine Wut kontrollieren?“ steht auch die wichtige Frage:  „Wieso hab ich so viel Wut“ welche ebenfalls zu beantworten ist. Deine Wut will dir etwas wichtiges sagen. Wut ist ein Zeichen dafür, dass etwas in die falsche Richtung läuft. Bitte sei sanft zu dir und hol dir rasch Hilfe.

Tu es für dich und dein(e) Kind(er). 

Alles Liebe

Andrea

Du musst da nicht alleie durch, ich bin gerne für dich da!

 


Teile den Beitrag, wenn er dir gefallen hat!
Kategorie: Wutbewältigung für Eltern

von

Ich bin eine (meist) glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, die innere Welt der Kinder, sowie THE WORK sind meine Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ich mag dabei helfen, dass ihr euch mit eurem kleinen Menschen wieder verbinden könnt!