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Gastbeitrag – Kinder mit Behinderung brauchen Erziehung! – Oder doch nicht?

 

Gastbeitrag von Steven B.

 

Heute habe ich etwas ganz Besonderes für euch.

Ein Papa, eines wunderbaren Jungen mit besonderen Bedürfnissen, schreibt tief berührend über seine Erfahrungen. Ich bin so glücklich, dass er uns an seinem Leben teilhaben lässt.

Als ich seine Worte las, standen mir die Tränen in den Augen. Denn Steven hat sich für die Liebe und gegen die Angst entschieden, sein Mut und seine Stärke berühren mein Herz so tief.

Steven, es erfüllt mich mit Dankbarkeit und Freude, dass du mir diesen Herzens-Text geschenkt hast!

DANKE <3

Andrea

Kinder mit Behinderung brauchen Erziehung! – Oder doch nicht?

 

Als ich das Angebot von Andrea bekam, auf ihrem Blog schreiben zu dürfen, war ich aufgeregt, überwältigt, voller Wärme und Freude. Ich habe lange hin und her überlegt, über welches Thema ich schreiben möchte und entschied mich für das Thema „Behinderung“.

Dies kommt zustande, da ich Papa eines behinderten Jungen bin, der 2013 nach einer wundervollen Schwangerschaft den Weg zu uns in die Familie fand und uns zu überglücklichen Eltern machte. Leider hielt das Glück nicht lange an, denn unsere Welt veränderte sich genau zwei Monate nach seiner Geburt, als unser Sohn schwerste epileptische Krampfanfälle bekam.

 

Die Diagnose lautete: West-Syndrom mit BNS-Anfällen.

schleife

 

Schwere Therapien bestimmten plötzlich den Alltag. Es riss uns den Boden unter den Füßen weg, als wir Anfang 2015 die Diagnose „Sauerstoffmangel unter/nach der Geburt und dadurch entstandene Hirnschädigung“ erhielten.

Wenn ich jetzt auf unsere vergangene Zeit zurückblicke, frage ich mich, wie ich nur auf die Idee kommen konnte, dass mein Kind Erziehung braucht, um selbstständig zu werden – ja, um eine eigene Persönlichkeit zu werden? Ich fragte mich, ob es keine andere Möglichkeit gibt, als mein Kind gewaltsam festzuhalten, wenn wir Untersuchungen durchführen ließen oder er Medikamente bekam, die er nicht nehmen wollte und die scheußlich schmeckten.

Beim Schreiben stehen mir die Tränen in den Augen, weil viele Erinnerungen hochkommen. Wie rücksichtslos, grausam und gewaltsam wir waren, das kann ich oft gar nicht fassen. Nach einigen solch schlimmen Momenten zweifelte ich daran ob ich wirklich den richtigen Weg mit ihm gehe. Ich wollte das nicht mehr!

Unerzogen bzw. bedürfnisorientiertes Erziehen/Begleiten waren mir bekannte Begriffe. Trotzdem hatte ich viele Fragen und die wichtigste war:

Muss ich mein Kind nicht eben weil es eine Behinderung hat noch mehr führen, erziehen und somit auf die Gesellschaft vorbereiten, die doch manchmal sehr grausam sein kann?

 

Was ist Unerzogen eigentlich genau?

 

Unerzogen bedeutet ganz einfach gesagt – die Abwesenheit der Erziehung. Es handelt sich um kein Konzept oder eine Methode, sondern eine Lebenshaltung. Sie wird somit gelebt. Unerzogen beginnt bei uns selbst, mit uns selbst – nicht mit der Erwartung, dass wir dadurch alle Probleme schnell und einfach lösen.

Unerzogen vermittelt Kindern, auch meinem Sohn, dass sie ok sind, so wie sie sind und sich auf keinen Fall verstellen müssen, um uns zu gefallen!

Wer diese Haltung lebt, der nimmt seine Kinder so, wie sie sind und unterstützt sie durch Begleitung in ihrer Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit, ganz ohne sie verändern oder formen  zu wollen.

Unerzogen bedeutet für mich, dass mein Sohn so, wie er ist, einfach perfekt ist!

Also ist es Quatsch, mein behindertes Kind zu erziehen? Aber warum genau?

 

Mir wurde durch das Lesen, Nachfragen, Nachdenken, Hinterfragen und nochmal Fragen  und Lesen sehr deutlich – und da bin ich mir in zwischen sehr sicher – dass auch mein Sohn mit Behinderung keine Erziehung braucht. Im Gegenteil:

Menschen mit Behinderung, egal ob Kinder oder Erwachsene, brauchen Begleitung, Verständnis, Kommunikation – jemanden, der sie wahr und ernst nimmt, versucht, die Bedürfnisse zu erkennen und darauf einzugehen.

Gerade, wenn Menschen mit Behinderung nicht sprechen können, muss man umso mehr darauf achten, was sie uns sagen und zeigen möchten. Wir müssen uns Zeit nehmen, auf sie eingehen und sie verstehen lernen.

Wenn ich mein Kind, nur weil es eine Behinderung hat, nun erziehe, würde ich ihm jegliche Möglichkeit nehmen, eine eigenständige Persönlichkeit zu werden, die auch mal seinen Willen lautstark äußert, „Nein“ sagt, wenn ihm was nicht passt. Ich würde seine Bedürfnisse einfach übergehen.

 

Aber mein Kind braucht Struktur, einen immer gleichen Tagesablauf – muss ich das jetzt aufgeben?

 

Nein, wieso denn?

Die Frage nach der Struktur habe ich schon oft gelesen, auch wenn es dabei bevorzugt um Autismus ging. Hier habe ich auch gelernt, dass Struktur nicht immer diesen festen Rahmen haben muss. Ich habe gelernt, flexibel zu sein.

Unerzogen bedeutet also nicht, jegliche Struktur aufzuheben. Natürlich kann es diese geben, aber nur, wenn alle Beteiligten damit zufrieden sind und wenn man innerhalb dieser gewohnten Situation auch noch mal agieren kann.

Wir haben eine Tagesstruktur, die auf unserer magnetischen Tafel festgehalten ist und eine Seite in unserer Kommunikationshilfe, welche Elemente unseres Tages mit Symbolen darstellt. Einfach nur, damit mein Kind weiß, wann was gemacht wird. Das alles machen wir flexibel, ohne feste Uhrzeit.

Manchmal verändern wir auch etwas – einfach, weil wir das gerade brauchen. Einfach, weil mein Kind gerade zu müde ist für die Therapie, die ansteht. Einfach, weil mein Kind noch einen Moment braucht, bis es bereit ist für die Medikamente, die es nehmen muss.

 

Wie geht es uns nun heute?

 

Uns geht es ohne Erziehung wirklich gut. Es ist manchmal kompliziert – aber hey, was soll’s!

Unerzogen eröffnete mir eine neue Welt, eine neue Sicht. Zeit, mich selbst kennen zu lernen – Etwas, dass ich mit der Erziehung wohl nie getan hätte und etwas, dass manchmal richtig schmerzhaft sein kann, aber genau darum will ich es anders machen!

Manchmal haben wir wundervolle Tage und ich klopfe mir in Gedanken auf die Schulter, wenn ich es geschafft habe, ruhig zu bleiben. Wie zum Beispiel an dem Tag, an dem wir im Wald waren und mein Kind danach in der Küche alle bunten Blätter zerrupft hat. Diese Zufriedenheit und diesen Spaß, ich wollte es ihm nicht nehmen!

Manchmal ist es besser, ruhig zu bleiben, auch wenn das Bad unter Wasser steht, unter dem Küchentisch sich Essensreste sammeln, nachts Kekse gegessen werden, weil man Hunger hat oder das Kind morgens schon Musik auf YouTube hört.

Machtkämpfe sind anstrengend und überflüssig. Außerdem vermitteln sie dem Kind dabei immer wieder, dass der Erwachsene am längeren Hebel sitzt. Das alles gibt es hier nicht mehr. Wir sind auf Augenhöhe und mein Kind ist ein vollwertiger Mensch, dessen Wünsche und Bedürfnisse gehört und berücksichtigt werden – so gut es eben geht.

 

Unsere Reise ohne Erziehung hat gerade erst angefangen und wird noch eine lange Reise sein.

Ein Weg mit Höhen und Tiefen, viel Reflektion und Kommunikation, Lernen und Weiterentwickeln, Vertrauen und viel, viel Liebe!

 

Steven B.

 

 

 

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Kategorie: Gastbeiträge

von

Ich bin glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, Querdenken, sowie kitschige Liebesfilme gehören zu meinen Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

2 Kommentare

  1. Tina Wollschläger sagt

    Lieber Steven, ich freu mich so sehr, dass die Veröffentlichung nach einigen Hürden doch geklappt hat.
    Was für ein herzlicher, ehrlicher Artikel !!
    Ich hoffe er wird viele Menschen erreichen und ihnen helfen können ihre Augen für das Wesentliche zu öffnen – Die Herz zu Herz Beziehungen.

    Danke Andrea, dass du Steven die Möglichkeit gibst, Gehör zu bekommen.

    Ich umarme euch beide,
    Tina

Ich freue mich auf einen Kommentar von dir!