Konflikte lösen
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Es ist O.K. wenn mich mein Kind haut!

Mein Titel ist ganz schön provokativ, nicht? 🙂

Mein Titel soll bedeuten, dass ich das Hauen nicht persönlich nehme und es als einen Entwicklungsschritt meines Sohnes betrachte. Ich lasse mich nicht von ihm schlagen, sondern schützte mich.

Mein Kind haut mich

Früher habe ich es sehr persönlich genommen, wenn mich mein Herzensglückskind in seiner Wut gehauen hat. Ich war zutiefst verletzt und hab meine ganze Energie darauf verwendet, um ihm klar zu machen, dass er mich nicht schlagen soll.

Es gibt viele Möglichkeiten warum Kinder hauen, hier im wunderbaren Blog „Die Physik von Beziehungen“ könnt ihr einige nachlesen. https://diephysikvonbeziehungen.wordpress.com/2016/04/30/6-gruende-warum-kleine-kinder-hauen/

Hauen innerhalb eines Wutausbruchs

Was hat mich dahin geführt, dass ich sein Hauen nun O.K. finde und ich sogar Verständnis dafür aufbringe?

Ich habe mich erst mal mit Sozialpsychologie und Entwicklungspsychologie beschäftigt. Ich möchte euch hier einige Fakten näher bringen, wie unsere Kleinkinder denken:

Ich hasse Mama – Ich liebe Mama

Erst ab dem 10. Lebensjahr können Kinder zwei gegensätzliche Gefühle, in einer Situation gleichzeitig haben. (Harter und Buddin, 1987) Also die Wut auf mich, weil ich ihm zum Beispiel das teure Auto nicht kaufen will und die Liebe zu mir, bzw. dass er mir nicht weh tun will. Ihr kennt es bestimmt von euren Kindern, sie zerplatzen fast vor Liebe für euch, bis ihr zu einem ihrer dringenden Wünsche „Nein“ sagt.

Empathie

Bis ca. 2 Jahren können Kinder zwischen sich und anderen Menschen nicht unterscheiden. Sie und alle anderen Menschen sind für sie eins. Wenn Kinder Schmerzen haben, gehen sie davon aus, dass alle Menschen diese Schmerzen haben. Wenn ihnen nichts weh tut, dann tut auch den anderen nichts weh.

Unsere Kinder wissen also noch nicht wirklich, dass es uns weh tut, wenn sie uns hauen. Um dies zu erkennen, muss sich das Kind in uns einfühlen können. Sie müssen sich vorstellen können, dass es uns weh tun, obwohl ihm ja nichts weh tut.

Im Alter zwischen 3 und 5 Jahren entwickeln unsere Kinder langsam die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Das Kleinkind erkennt nun, dass andere Perspektiven (Gedanken und Gefühle) existieren. Ein Kind ist deswegen aber nicht von einem auf den anderen Tag plötzlich empathisch und kann sich jetzt in jeden einfühlen.

Es ist ein langer Prozess, bis die volle Bandbreite der Perspektivenübernahme erreicht ist! Laut  Robert L. Selman (ein amerikanischer Psychologe) dauert es bis zum 15 Lebensjahr. Er geht sogar davon aus, dass Kinder eine andere Perspektive frühestens mit 5 Jahren übernehmen können.  Vorlesung „Stufenmodel von Robert Selman“

Im  wunderschönen Blog „Das gewünschteste  Wunschkind aller Zeiten“ könnt ihr eine weitere Theorie nachlesen. http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2013/03/empathie-wann-und-wie-erwerben-unsere.html

WUT IST GUT!

Es ist vollkommen normal, wenn wütende Kinder hauen. Es passiert deshalb, weil das Kind nicht mehr weiß, wie es seine heftigen Wutgefühle (Aggressionen) regulieren soll. Das Kind wird von seinen Gefühlen regelrecht überschwemmt. Es ist so verärgert und frustriert über etwas, dass es diese Belastung nicht mehr aushalten kann.

Sie können ihre Gefühle noch nicht sprachlich ausdrücken. Kinder können nicht sagen: „Ich könnte gerade die Wände hochgehen! So rasend macht mich diese unerträgliche Situation gerade!“

Sie drücken ihre Wut so lange körperlich aus, bis sie die Wut auf die sprachliche Ebene hochheben können. Es ist einer von vielen Entwicklungsschritten. Die Aggression selbst, ist an und für sich ein wichtiges Gefühl. Ohne sie könnten wir uns nicht verteidigen, keine Ziele verfolgen, usw.

Gefühle regulieren

Kleinkinder müssen erst lernen ihre Gefühle zu regulieren. Die Wut überschwemmt sie wie ein Tsunami, sie sind ihren Gefühlen komplett ausgeliefert. In diesem Moment können sie nicht mehr denken. Ja, auch wir Erwachsenen sagen in unserer Wut Dinge, die uns anschließend leid tun.

Hier könnt ihr nachlesen was im kindlichem Gehirn vorgeht: Was geht wirklich in unseren Kleinkindern vor? – Das kindliche Gehirn

Ich will, dass du fühlst was ich fühle

Selbst wenn mein Kind sagt, dass es mir weh tun möchte, steckt dahinter nur ein Entwicklungsschritt. Das Kind möchte unbewusst seine eigenen Gefühle im anderen hervorrufen. Das ist eigentlich sehr schlau von unseren Kindern, denn sie können ihre Gefühle ja noch nicht sprachlich ausdrücken.

Wenn wir aufhören es persönlich zunehmen, können wir nachschauen welche Gefühle das Handeln des Kindes in uns hervorruft. Wir fühlen nun dasselbe, wie unser Kind. Wenn mein Kind mich extra hauen will, fühle ich mich zum Beispiel hilflos, oder verletzt, oder wütend. In vielen Fällen ist es dasselbe Gefühl, welches das Kind beim vorhergegangenen Konflikt hatte.

Was kann ich für mein Kind tun?

Mein Job ist jetzt, da zu sein und mein Kind und mich vor Verletzungen zu schützen. Ich kann schon im Vorfeld Möglichkeiten anbieten um die Wut rauszulassen, zum Beispiel Dinge (die nicht kaputt werden) werfen, oder „Wutschieben“ (wir sitzen am Boden, er schiebt mich mit aller Kraft und irgendwann lasse ich mich umfallen), oder auf ein Kissen schlagen, usw.

Wir haben gemeinsam viele Menschen gefragt, wie diese mit ihrer Wut umgehen. Die Oma, den Opa, die Tante, den Onkel, …  Alle Möglichkeiten die meinem Sohn gefallen haben, haben wir ausprobiert.

Gefühle spiegeln

Man kann versuchen, diese Wut zu spiegeln. „Du willst dieses Auto, du bist wütend, weil du es nicht bekommst.“ Es sollten nur kurze Sätze sein, denn Kinder sind jetzt nicht wirklich aufnahmefähig. Ich habe hiermit keine Erfahrung, da mir mein Sohn mal gesagt hat, dass ich lieber nichts sagen soll, wenn er einen Wutausbruch hat. 🙂

Nach dem Wutanfall

Ich bin einfach nur da für mein Kind, ich umarme meinen Sohn wenn er dies möchte. Ich mache ihm keine Vorwürfe, oder schimpfe gar mit ihm. Mein Kind ist jetzt fix und fertig, alles was er braucht ist Ruhe und viel Liebe.

Ich finde es jedoch wichtig, nach dem Wutanfall nochmal mit dem Kind zu sprechen. Denn wenn das Kind durch Gespräche zur Selbstreflexion angeregt wird, kann es sich irgendwann selbst besser verstehen. Das wiederum führt (wenn das Kind entwicklungsbedingt dazu bereit ist) unter anderem zu einem Ende der Hau-Phase.

Ich verzichte auf das Wort „WARUM“

Ein „Warum?“ fragt nach den Ursachen, fragt nach der Vergangenheit. Wir können auf die Antwort einer Warum-Frage sofort die nächste Warum-Frage stellen. „Warum hast Du nicht besser aufgepasst?“, „Warum konnte das nur passieren?“ usw. Und wir fragen im Allgemeinen solange nach dem Warum, bis wir einen Schuldigen gefunden haben. Wir interessieren uns so nicht wirklich für die innere Welt des Kindes.

„Wozu?“ allerdings fragt nach der Zielgerichtetheit, fragt nach der Absicht. Auf Antworten von Wozu-Fragen kann man nicht weiter fragen. Hier erfährt man wirklich etwas über die Absicht des Kindes.

„Warum bist du schon wieder mit den schmutzigen Schuhen in die Wohnung gegangen?“

Dies ist eine pure Anklage, der Mutter scheint der Grund egal zu sein.

„Wozu hast du die Schuhe angelassen, als du in die Wohnung kamst?“

Das Kind könnte jetzt sagen „Ich wollte ganz schnell mein neues Auto holen und hab´s vergessen!“, oder „Ich hatte Angst, draußen war ein so unheimlicher Mann!“.

Ich frage nach dem Wutanfall auch „Was hat dich so wütend gemacht?“ und „Wozu hast du das Hauen gebraucht?“.

Ja, ich weiß Kleinkinder sind in dieser Hinsicht nicht wirklich gesprächig. Doch jedesmal wenn ich solche Fragen stelle, tut sich im Gehirn meines Sohnes etwas. Anfangs wird er damit nichts anfangen können, dann beantwortet er sie vielleicht im Stillen, im Laufe der Zeit sagt er es mir und irgendwann wird er sich die Fragen selbst stellen. Er lernt sich selbst zu reflektieren.

Als Selbstreflexion bezeichnet man die Fähigkeit des Menschen, über die eigene Situation nachzudenken.

Menschen die sich selbst reflektieren, wissen über ihre Stärken, Schwächen, Vorlieben und Eigenarten Bescheid. Sie wissen wann sie eine Pause brauchen und zwar schon vor dem „Burn out“.  Sie denken über ihre eigenen Anteile im Streit nach, anstatt allen andern die ganze Schuld zu geben. Sie können bessere Entscheidungen treffen, weil sie sich ja bewusst gemacht haben, was sie glücklich macht und wohin sie im Leben wollen. Diese Menschen sind sich selbst bewusst, also auch selbstbewusster.

„»Hat jemand von Ihnen den Jungen gefragt, worüber oder über wen er wütend ist?« Alle guckten mich erstaunt an, versenkten sich weiterhin in ihre Berichte und schüttelten ungläubig den Kopf. Niemand hatte diesen Pädagogen je die selbstverständlichste aller Fragen gestellt.“

Zitat aus dem Buch Aggression von Jesper Juul

 

Das macht Mami traurig.

Bitte sagt zu eurem Kind nicht, dass es euch traurig macht, wenn es euch in einem Wutanfall schlägt. Das Kind kann noch gar nicht zwischen sich und seinen Taten unterscheiden. Für das Kind bedeutet diese Aussage, dass seine Existenz die Mama traurig macht. Das kränkt euer Kind so sehr.

Ja, es tut mir körperlich vielleicht weh, wenn mich mein Kind haut. Doch ICH bin die Erwachsene, ich bin meinem Kind körperlich deutlich überlegen und kann mich schützen, ich muss mich nicht hauen lassen.

ICH BIN NICHT DAS OPFER!

Traurig machen mich einzig und alleine MEINE Gedanken zum Hauen meines Kindes! Ich denke mir Dinge wie: mein Kind liebt mich nicht, es hat kein Gefühl für mich, es schätzt mich nicht, …

Ich will nicht, dass du mich haust!

Natürlich sage ich meinem Kind „Ich will nicht, dass du mich haust, weil es mir weh tut“. Ein authentisches „AU“ in der Situation reicht meist vollkommen. Die meisten Kinder wissen, dass wir das nicht mögen. Es passiert eben im Affekt und infolge der „Wutüberflutung“. Ich nehme dies nicht persönlich, oder mache mir Horrorvisionen für die Zukunft, in denen mich mein 16-jähriges Kind noch ins Gesicht schlägt. Kinder müssen erst lernen die Wut umzuleiten. Es ist ein Prozess und geht nicht vom einen auf den nächsten Tag. Kinder werden als Erwachsene nur gewalttätig, wenn sie selbst von ihren Elter körperliche Gewalt erfahren haben, oder heftig und anhaltend mit Worten verletzt wurden.

Das kann ich für mich tun.

Ich kann über mich selbst reflektieren und mir folgende Fragen stellen:

  • Was ist mein Anteil an diesem Konflikt?
  • Habe ich die Integrität meines Kindes davor verletzt?
  • Was macht es mit mir, wenn mich mein Kind haut?
  • Haben meine Gedanken wirklich etwas mit der jetzigen Situation zu tun?
  • Was habe ich in meiner Kindheit erlebt, das mich daran erinnert und mich jetzt so verletzt?

 

Achtsamkeit in stressigen Situationen

Ich rufe mir in Erinnerung, dass ICH die Erwachsene bin und dass mein Kind in diesem Moment nur MICH hat. Es kann nicht zu einem Freund gehen um sich bei ihm aussprechen, es kann seine Sachen nicht packen und zum Sport gehen um sich abzureagieren.

Wenn es mich wütend macht, dass mich mein Kind haut, gehe ich aus der Situation raus. Ich sage ihm, dass ich mir ein Glas Wasser hole. Diese Pause nutze ich, um wieder ruhig zu werden. Ich konzentriere mich ganz auf mich, auf den Boden unter meinen Füßen, ich spüre meinen Körper. Ich höre das Wasser, welches aus dem Hahn läuft, ich schmecke das Wasser in meinem Mund. Ich atme bewusst langsam.

Mein Kind braucht mich als Ruhepol, wenn in ihm ein Orkan tobt.

Nehmen wir das Hauen unserer Kinder doch weniger persönlich. Dieses „handgreiflich werden“ ist nur ein Ausdruck ihrer Gefühle.

Lasst uns mehr Energie darauf verwenden, die innere Welt unserer Kinder kennen zu lernen!

Ich wünsche euch sonnige Tage und alles Liebe

Andrea

Mein Kind haut mich

 Copyright „Das Wutmonster“ by Andrea Schiefer

Kategorie: Konflikte lösen

von

Ich bin glückliche Mama eines Sohnes. Kaffee und Kuchen, Querdenken, sowie kitschige Liebesfilme gehören zu meinen Leidenschaften. Mein Herz schlägt für eine gleichwürdige Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

21 Kommentare

  1. kidsaholic sagt

    Liebe Andrea!
    Vielen Dank, für diesen Beitrag! So viele Menschen wie möglich, sollten das lesen und deshalb werde ich ihn auch gleich fleißig teilen!
    Ich bin froh, dass du mir bezüglich der „warum-Fragen“ die Augen geöffnet hast. Ich weiß zwar, dass Kinder mit „warum?“ nicht viel anfangen können, aber so wie du es geschrieben hast, war für mich sofort alles klar!
    herzliche Grüße, Manuela

    • Liebe Manuela,
      ich freue mich dass dir mein Beitrag gefallen hat 🙂 Die Sprache macht so viel mit uns, sowie auch unsere eigene innere Welt. Viele fragen „Warum?“, weil sie sich persönlich angegriffen fühlen, doch usnere Kinder meinen es so gut wie nie persönlich. Sie sind Forscher, sie leben im „Jetzt“ und wollen und uns nicht weh tun. Denn sie lieben uns bedingungslos.
      Ganz liebe Grüße
      Andrea

  2. Ich musste beim Absatz mit dem Spiegeln schmunzeln 🙂 Bei unserem älteren Sohn ist es genau so – er kann es nicht gut vertragen „gespiegelt“ zu werden, das macht ihn irgendwie noch verärgerter….Viele Erwachsene kommen mit der Wut der Kinder nicht gut klar – wir haben es als Kinder kaum gelernt, dass auch Aggression und Wut berechtigte Gefühle sind, danke für den Beitrag!

    • Da haben unsere Söhne viel gemeinsam 🙂 Ja du sagst es! Aggression ist kein negatives Gefühl im Gegenteil es ist so wichtig! An den Konflikten mit unseren Kindern können wir so wachsen, wenn wir uns selbst reflektieren und uns auf unsere Kinder einlassen. Ich habe so viel über mich gelernt 🙂
      Danke für deinen Kommentar ❤️

  3. Pingback: Kinder sind weder gut noch böse! - Herzensglückskind

  4. Hallo Andrea,wie schön, dass ich deinen Blog entdeckt habe; sehr viele deiner Gedanken und Überlegungen sind mir sehr nah und geben mir neue Anstöße zum Denken, vielen Dank dafür! Ich wollte dir Jesper Juuls Buch „Aggression“ empfehlen, habe dann aber gesehen, dass du bereits daraus zitierst 🙂 Das würde ich so gern allen Eltern und vor allem jeder/m PädagogIn empfehlen!! Alle aggressiven Handlungen sind nach wie vor so tabuisiert, wie schnell wird ein Kind abgestempelt weil es haut oder beißt, anstatt zu sehen, welches Bedürfnis dahinter steckt! Ein Buch, das ich in diesem Zusammenhang auch sehr interessant und anregend fand, ist „Achtsame Kommunikation mit Kindern“ von Daniel Siegel, da wird aus Sicht der Hirnforschung gut verständlich deutlich gemacht, wieso Kinder überhaupt noch nicht so reagieren können wie wir es gern hätten, und wie man ihnen dabei helfen kann… Herzliche Grüße aus Berlin, Katharina

    • Andrea Schiefer sagt

      Hallo liebe Kathrin! Schön dass ich dich inspiriert habe ❤️ Jesper Juuls Philosophie schätze ich sehr, ich bin auch dafür, dass seine Werke in jeder Institution bereit stehen 😊 Das Buch, welches du genannt hast, habe ich mir gerade bestellt, danke für den Tipp ! Ich denke je mehr wir die innere Welt der Kinder (und ihren derzeitigen Entwicklungsstand) desto besser können wir mit Ihnen in schwierigen Situationen umgehen. Liebe Grüße nach Berlin

  5. „Ja, es tut mir körperlich vielleicht weh, wenn mich mein Kind haut. Doch ICH bin die Erwachsene, ich bin meinem Kind körperlich deutlich überlegen und kann mich schützen.

    ICH BIN NICHT DAS OPFER“

    Da hast Du recht, Du bist nicht das Opfer und es ist nicht O.K. wenn Eltern sich von ihren Kindern schlagen lassen!

    Wir als Eltern habe die Pflicht unseren Kindern Möglichkeiten aufzuzeigen mit ihren Gefühlen umzugehen. Ja, Agression müssen gefühlt werden und jedes Kind braucht eine individuelle auf seine Persönlichkeit bezogenen Ansatz. Hauen ist niemals eine Lösung, die geduldet werden darf.

    Jesper Juul, der hier zitiert wird spricht davon Agressionen zuzulassen und nicht sich „Hauen“ zu lassen. Agressionen sind nicht gleich „Hauen.“ Im Gegenteil ist es sehr kritisch zu betrachten wenn sich Eltern hauen lassen. Dem Kind wird suggeriert, das ist so erst mal ok, wir sprechen ja dann später drüber.

    Wie wird das Kind dann außerhalb z.B. auf dem Spielplatz mit seinen Agressionen umgehen?

    Wie fändest Du es, wenn Dein Kind von einem andern geschlagen wird? Und dessen Mutter es erst einmal gewähren lässt? Nachdem die Agression abgeebnet ist, kann man ja immer noch darüber sprechen? Fändest Du das O.K.?

    Wie kann ein Kind denn untetscheiden wen es in seiner Wut hauen darf? Du kannst Dich schützen, Du kannst den Schmerz aushalten. Ein anderes Kind soll sich nicht schützen müssen oder den Schmerz aushalten müssen.

    Ja, DU bist die Erwachsene und es ist Deine Aufgabe Dein Kind liebevoll zu leiten auch durch seine Agressionen und andere Emotionen.

    Ich bin mit Dir absolut auf einer Wellenlänge, einer partnerschaftlichen Beziehung zu unseren Kindern aber als Eltern haben wir auch gewisse Gepflichten.

    Ich schreibe das deshalb so deutlich, da ich dies in letzter Zeit nehrmals erlebt habe. Tolle Eltern, die sich liebevoll um ihr Kind kümmern. Erschrocken bin ich als sich die Mama während eines Wutanfalls von ihrer 3 jährigen Tochter hat schlagen lassen. Mit einem Lächeln hat sie es abgetan. Als im nächsten Wutanfall meine 4jährige die Schläge abbekommen hat, bin ich noch mehr erschrocken. Die Mutter war es so gewohnt, das Verhalten ihrer Tochter zu „verstehen“ und zu rechtfertigen, dass sie tatsächlich erwartete auch mein Kind müsste das aushalten.

    Liebe Eltern, es ist auch unsere Pflicht unseren Kindern liebevoll Grenzen aufzuzeigen, auch das gehört dazu. Hauen ist niemals O.K.

    • Andrea Schiefer sagt

      Liebe Annie!

      Danke für deinen Text.

      Ich möchte nochmals klarstellen, dass ich in meinem Text nirgendwo geschrieben habe, dass ich mich von meinem Sohn schlagen lasse.

      Es ist OK, dass mein Sohn in dieser Entwicklungsphase eher auf die körperliche Art und Weise zeigt, wie es ihm gerade geht. Tatsache ist, dass Kinder in dem Alter eher hauen, weil sie überflutet von ihren Gefühlen werden und ihre Muskeln eben schneller als ihr Gehirn funktionieren. Auch wenn wir Erwachsenen wollen, dass unsere Kinder mental schon weiter sind.

      Wie ich in meinem Zitat, welches du anfangs erwähnt hast, ausführe SCHÜTZE ICH MICH, wenn mich mein Sohn haut, denn ich bin ihm körperlich überlegen. Ich lasse mich nicht schlagen! Und schon gar nicht mit einem Lächeln im Gesicht! Wenn es mir weh tut zeige ich das.

      Außerdem habe ich im Beitrag beschrieben, es authentisch zu sagen, dass man nicht geschlagen werden will. Darüber hinaus habe ich ansatzweise beschrieben, dass wir verschiedene Wutbewältigungsmaßnahmen testen und die behalten, welche helfen.

      Wenn ein Kind uns haut, ist dies ein Ausdruck, wie sich unser Kind sich in diesem Moment gerade fühlt.

      Sich nur auf das Verhalten des Kindes zu konzentrieren finde ich zu einseitig.

      Kinder sollen ganzheitlich gesehen werden und nicht nur konditioniert werden, dass sie nicht hauen. Was bringt es wenn, es nun nicht mehr haut und dann zum Beispiel selbstzerstörerisch wird. Denn wir haben ja das innere Problem nicht gelöst, wenn wir es darauf trainiert haben, dass es nicht mehr um sich schlägt.

      Vielmehr können wir uns in die innere Welt der Kinder begeben, wir können Fragen weshalb es so wütend ist und was es in Wirklichkeit will. Wir können uns in seinem Umfeld umsehen und schauen ob unser Kind ein Problem hat. Wir werden kein Stück von seiner Welt erfahren, wenn wir nur schimpfen dass es haut.

      Jesper Juul legt den Hauptfokus immer auf das dahinterliegende Bedürfnis des Kindes. Wir sollen in zweiter Linie authentisch sein und sagen dass wir nicht geschlagen wollen. Außerdem sagt er, dass Kinder ihre ganze Kindheit Zeit haben, ihre Aggressionen kontrollieren zu lernen.

      Wenn mein Sohn gehauen wird, tröste ich mein Kind. Und sage dem anderen Kind, dass ich nicht will dass es meinen Sohn haut und frage ihn was es in Wirklichkeit will. Um ehrlich zu sein mache ich da kein Drama draus, es sind doch Kinder.

      Wenn ein Kind viel um sich schlägt, ist das ein Hilferuf, den wir nicht mit Drohungen, Beschimpfungen und Maßregelungen beantworten sollen. Wie gesagt, wie sich ein Kind verhält ist lediglich ein Ausdruck, wie es ihm gerade in der Familie/Kindergarten/Schule etc. in diesem Moment geht. Hören wir ihnen einfach zu 🙂

      Liebe Grüße
      Andrea

  6. Julia sagt

    Hallo Andrea,

    ich bin in den letzten Tagen immer wieder zu diesem Artikel zurückgekehrt – denn ich bin etwas ratlos. Mein Sohn ist 4 Jahre alt (und 3 Monate) und haut seit einiger Zeit ordentlich zu. Bei mir, bei seiner kleinen Schwester, ab und an im Kindergarten (da aber seltener soviel ich weiß).
    Wenn er wütend wird, wenn ich zu etwas nein sage – haut er, manchmal versucht er zu kratzen, manchmal zu beißen.
    Ich erziehe „bedürfnisorientiert“ bzw. versuche immer mehr das „Nicht-erziehen“ 😉 – sprich, ich versuche meistens so zu reagieren wie beschrieben „oh Du bist jetzt aber gerade wütend, was können wir tun“ und versuche ein Kompromiss herauszuarbeiten.
    Es klappt natürlich nicht immer – denn ich reagiere auch mal ungehalten und wütend.
    Manchmal habe ich auch das Gefühl, er „provoziert“ gezielt, auch seine Schwester (2 Jahre alt), die echt sehr geduldig und verständig ist, aber es gibt nun mal unter Geschwistern immer wiederkehrende Konflikte die sich auch nicht immer zur Zufriedenstellung von beiden lösen lassen. Manchmal lässt er nicht von ihr ab und da hab ich ihn schon ein paarmal gepackt und weggetragen, um sie zu schützen. Da wird er aber (logisch) noch wütender und entlädt seine Wut auf mich.
    All das finde ich wirklich sehr schwierig und oft fällt es mir schwer, mich zu beherrschen, besonders wenn die Kleine es abkriegt.

    Ich grüble schon länger, woran das liegen kann, er war früher so ein empfindsames Kind…Ich kann mir schwer vorstellen, dass es Aufmerksamkeitsbedarf ist oder so, wir beschäftigen uns wirklich viel mit beiden, auch mal getrennt etc.
    Hast Du einen Rat?

    LG,
    Julia

    • Andrea Schiefer sagt

      Liebe Julia,

      schön dass du bedürfnisorientiert mit deinen Kindern umgehst. Ich schätze es sehr, dass du rausfinden willst, was in der inneren Welt deines Wirbelwindes vorgeht <3

      Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, warum er haut. Mir fallen dazu folgende Punkte ein:

      Kam das vermehrte Hauen plötzlich?:
      Hat sich irgendetwas in seinem Umfeld verändert? Im Kindergarten, bei den Verwandten, bei euch daheim?
      Vielleicht kannst du ihn auf Kakao und Kekse einladen und ihm deine Sicht der Dinge vortragen. Wenn du dich verletzlich zeigst und es wirklich von Herzen kommt, wird es deinen Sohn berühren und vielleicht ändert sich etwas. Du kannst ihn dann fragen ob ihn etwas bedrückt und wozu er das Hauen braucht. In meinem Beitrag „Redet mit euren Kindern“ gebe ich eine Anleitung für ein berührendes Gespräch ala Jesper Juul.

      Oder passiert es in bestimmten Situationen. Hier könnte es helfen im Vorhinein Krisenmanagement zu betreiben. Streiten deine Kinder zum Beispiel immer um dasselbe? Du könnest sie dazu befragen, was ihnen helfen könnte.

      Oder kann es sein, dass seine Wut ausdrücken will, dass er jetzt mehr Autonomie braucht. Vielleicht könnt ihr gemeinsam schauen, ob er für sich mehr Verantwortung übernehmen kann? Ganz oft sind solche Krisen ein Zeichen, dass die Dinge neu überlegt werden müssen und nicht mehr so weiterlaufen sollen wie bisher.

      In den Situationen wo er haut, wird er ja von seinen Gefühlen überflutet. Wenn es ganz schlimm ist, ist nur seine rechte emotionale Gehirnhälfte aktiv. Rationale Antworten kann er jetzt gar nicht verarbeiten, also zum Beispiel, wenn du fragst was ihr tun könnt. Denn da müsste seine linke Gehirnhälfte aktiv sein um dies verarbeiten zu können. Vielleicht kannst du zuerst seine rechte emotionale Gehirnhälfte „ansprechen“. Du beginnst sie ja anzusprechen in dem du sagst: „Oje, du bist wütend.“ Ich denke wenn du noch weiter darauf eingehst, indem du unter anderem empathisch sagst: „Ja, das ist jetzt echt schlimm für dich.“ Er soll sich verstanden und gefühlt fühlen. Dann erst können logische Antworten bearbeitet werden. Ich habe das im Beitrag „Was geht wirklich in unseren Kleinkindern vor“ beschrieben.

      Was uns gerade hilft, wenn mich mein Sohn haut ist, dass ich spielerisch mit lautem Geschrei davon laufe. Mein Kleiner lacht dann meistens und läuft mir nach. Ich sage ihm dann, dass er mich nur leicht „hauen“ soll, meistens steigt er auf das Spiel ein. Wir laufen dann eine Weile mit lautem Gelächter durch die Wohnung. Mit dem Laufen wird das Adrenalin in seinem Körper abgebaut, mit seinem Lachen wird er ruhiger und entspannter. Wir sprechen danach nochmals über die Situation die ihn wütend gemacht hat. Ich finde es so wichtig, sein wirkliches Bedürfnis herauszufinden, das Hauen ist ja nur eine (unfruchtbare) Strategie. Kein Kind möchte jemandem weh tun, sie wollen immer nur ein Bedürfnis erfüllt bekommen. Also zum Beispiel über sich selbst bestimmen, oder Kontakt bekommen, oder Ruhe, usw. Mir hat in diesem Zusammenhang die Gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg sehr geholfen.

      Die Aggression selbst ist ja etwas Gutes, ohne sie könnten wir uns nicht durchsetzen, keinen beschützen usw. Sie darf ausgedrückt werden. Gegen das Hauen dagegen musst du dich und auch deine kleine Tochter auf jeden Fall schützen, es aber nicht persönlich nehmen. Ich finde es gut, dass du ihn aus dem Raum trägst, wenn er seine Schwester zu doll haut. Wichtig wäre es, dass du dann für ihn da bist. Ja, oft ist das sicher schwierig, weil dich ja auch deine Tochter braucht, um sie zu trösten.

      Ich kann es gut verstehen, dass du in solchen Situationen ebenfalls wütend wirst. Wie du dann mit deiner Wut umgehst, ist dann um so wichtiger. Denn du bist sein Vorbild, wenn er seine Gefühle einigermaßen unter Kontrolle hat.

      Jesper Juul sagt immer „Unsere Kinder haben ihre ganze Kindheit Zeit um ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Lass dich also nicht von der Angst leiten, dass dein Kind als Erwachsener zum Schläger wird. Dies passiert nur bei Kindern die selbst geschlagen werden, oder/und psychisch Missbraucht werden.

      Ich hoffe, es war etwas für dich dabei <3 Ich wünsche dir viel Kraft und viel Geduld!

      Liebe Grüße
      Andrea

      • Julia sagt

        liebe Andrea, danke Dir für die ausführliche Antwort! Ich erzähle mal ein Beispiel, was ein Auslöser sein kann für einen schlimmen Streit. Heute z.B.: es war abends, Kinder waren hungrig, ihr Essen war schon fertig, unseres noch nicht (ihres war Fischstäbchen/unseres Lachs). Also haben die beiden zuerst gegessen (wir saßen dabei und haben uns unterhalten mit ihnen) und sie wollten danach direkt spielen. So weit so gut – nun wollten aber mein Mann und ich auch essen. Mein Sohn wollte unbedingt mit uns zusammen spielen. Kurz sind wir auch darauf eingegangen und haben Gespenst gespielt im Wohnzimmer und ich habe auch gesagt, dass unser Bedürfnis jetzt sei, gemeinsam zu essen und sie könnten ja zusammen spielen. Ich habe sogar vorgeschlagen, was sie spielen könnten (die kleine Schwester sprang begeistert darauf an) – Sahnemann war nicht begeistert, im Gegenteil. Er bestand darauf, dass ich mit ihm spiele. Ich also weiter ruhig erklärt, er sollte einfach 10 Minuten warten, ich würde jetzt auch gern essen wollen. Es fruchtete überhaupt nicht, er wiederholte nur ständig „Nein! Ich will aber“ und wurde immer wütender, und fing dann auch an, mich zu hauen. Ich sagte dann auch schon sowas wie „auch wenn Du so wütend bist, dass Du mich haust, ich möchte jetzt trotzdem erstmal essen und werde später mitspielen“…
        Es eskalierte irgendwann total, weil ich nach 15 Minuten WIRKLICH keine Lust mehr hatte und in die Küche wollte und er hielt mich fest…ach es war sehr anstrengend.
        Er wollte dann laut brüllend auf meinem Schoß sitzen und beruhigte sich dann langsam und verlangte nach einem Marmeladenbrot (nachdem er ordentlich zu Abend gegessen hatte ;-).

        Ich habe auch nachher versucht mit ihm darüber zu sprechen, aber ich weiß nicht so recht, was davon bei ihm ankam.
        Solche Situationen gibt es öfter: er ist ein sehr sehr großer Dickschädel und hat oft ganz genaue Vorstellungen von Abläufen und Ereignissen und bestimmt dann auch gern das Ganze. Das lassen wir auch immer mal wieder zu bzw. gehen darauf ein, aber es geht nun mal nicht immer! Das habe ich auch versucht zu erklären, dass wir eine Familie sind, jeder Wünsche und Vorstellungen hat, und wir müssten Kompromisse finden damit jeder zufrieden ist. Ob er das verstanden hat, weiß ich nicht…
        Meine Tochter (die auch einen sehr starken Willen hat), ist in ähnlichen Situationen viel kompromissbereiter irgendwie – also sie heult und zetert auch, aber dann lässt sie sich viel schneller auf Neues ein und dann ist es auch gut. Ich weiß, vergleichen ist Quatsch, aber es fällt mir einfach auf, dass es ihm deutlich schwerer fällt, sowas zu verarbeiten bzw. loszulassen (also eben wenn es nicht nach seinem Kopf gehen kann).
        Fällt Dir dazu etwas ein? 😉

        Liebe Grüße, Julia

        • Andrea Schiefer sagt

          Liebe Julia,

          Ja ich kenne das, es ist sehr anstrengend und auch frustrierend, wenn die Kinder uns an unseren Bedürfnissen „hindern“. Doch wenn wir ganz genau hinschauen, können wir herausfinden, dass es meist nicht die Kinder sind, die uns davon abhalten.

          In der Situation die du beschrieben hast, würde ich erst mal nachschauen, was das in dir auslöst. Der Ärger über das Verhalten deines Sohnes, ist ja nur das „Sekundärgefühl“, welches sich über das ursprüngliche Gefühl legt. Bist du dir vielleicht nicht sicher, bzw. hast du ein schlechtes Gewissen wenn du dein Bedürfnis (nach essen) erfüllst, anstatt mit ihm zu Spielen? Wir haben meistens ein Kind, welches wir ganz dringend für unser Wachstum brauchen. Ich denke dein Sohn ist es für dich.

          Mein Sohn trifft auch punktgenau in meine wunden Stellen. Ich hatte schon immer Probleme, meine eigenen Grenzen zu wahren. Mein Herzensglückskind übertritt sie dementsprechend oft und ich habe die wunderbare Möglichkeit daran zu wachsen und tagtäglich zu üben, NEIN zu sagen. Sehr anstrengend und nervenaufreibend, ich bin aber auch sehr dankbar dafür, denn ich habe dabei so viel über mich gelernt! Inzwischen kann ich schon supergut NEIN sagen, das hab ich von meinem Sohn gelernt 🙂

          Unsere Kinder wollen uns kennen lernen. Bis sie alle unsere Grenzen kennen, dauert es natürlich. Das kann man leider nicht beschleunigen, da helfen nur fortlaufende (freundliche) Wiederholungen unserer Wünsche.

          Ich würde auch versuchen seine Wut anzunehmen, anstatt sie abzuwehren. „Ja, deine Wut darf sein. (Ich bin für dich da.) „ Du darfst um deine Wünsche kämpfen“ (Es ist uns ja auch recht, wenn er mal um einen Job, oder um seine Träume kämpft). Seit mein Sohn da ist, habe ich immer mehr gelernt, dass es viel leichter ist, mit den Gefühlen des Kindes zu gehen, anstatt dagegen anzukämpfen. Ich nehme die Wut meines Kindes an, ich nehme auch an, dass er mich gerade voll blöd findet.

          Vielleicht hilft dir mein neuer Artikel über unser Wut? https://herzensglueckskind.com/2016/07/19/so-kriegst-du-deine-wut-in-griff/ Hier habe ich auch die Phasen die ein Kind in Konfliktsituationen durchläuft, beschrieben. Das hat mir so geholfen, denn ich weiß gerne was als nächstes geschieht 😉

          Ich hoffe es ist etwas für dich dabei <3

          Ganz liebe Grüße Andrea

          • Julia sagt

            Hallo Andrea,

            danke, das ist sehr interessant und hierüber „In der Situation die du beschrieben hast, würde ich erst mal nachschauen, was das in dir auslöst. Der Ärger über das Verhalten deines Sohnes, ist ja nur das „Sekundärgefühl“, welches sich über das ursprüngliche Gefühl legt. Bist du dir vielleicht nicht sicher, bzw. hast du ein schlechtes Gewissen wenn du dein Bedürfnis (nach essen) erfüllst, anstatt mit ihm zu Spielen?“ habe ich länger nachgedacht.
            Allerdings bin ich nicht ganz sicher, ob ich verstehe, was Du meinst. Der Ärger über sein Verhalten – wieso Sekundärgefühl? Ich ärgere mich darüber, dass er mich davon abhalten will, (und es z.T.sogar schafft) in Ruhe zu essen. Dass er meinen Standpunkt nicht akzeptiert. Wer hält mich denn sonst von meinem Bedürfnis ab?
            Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich mal am Tag dieses Bedürfnis von ihm nicht erfülle. Ich habe ja – wie an vielen Tagen – einige viele andere Bedürfnisse erfüllt. Mir ist schon klar, dass er es nicht so sieht „ah, heute hat Mama schon das und das für mich gemacht“ -und auch, dass er es nicht gegen mich tut sondern für sich. Das macht es mir aber nicht leichter, es zu akzeptieren. Vor allem da wir (also mit meinem Mann) ja auch kurz auf das Spielbedürfnis eingegangen sind und nicht sofort abgeschmettert haben oder so.

            Mittlerweile hat sich etwas entwickelt – dass mein Sohn sagt „Du bist so ganz doof“ oder „Du bist blöd k..ke sch…e!“ – eigentlich finde ich das ganz gut, weil das seine Wut auf mich (oder auch auf andere) ja genau ausdrückt im Moment und ich das besser finde, als hauen ;-).
            Ist das okay, wenn ich dann auch so reagiere wie „Ja, das verstehe ich dass Du mich im Moment so findest“?

            Ich habe und hatte auch Probleme, Grenzen zu wahren – ja, vermutlich ist mein Dickkopf-und Starker-Wille-Sohn die Herausforderung dafür! Er ist auch sehr gut darin, seinen Willen LANGE zu wiederholen. Da werde ich auch manchmal ungeduldig und denke „Ja! ich habe verstanden was Du willst! es geht aber trotzdem nicht!“ 😉
            Ich erkläre aber immer viel meine Entscheidungen, das war schon immer so. Ich möchte nämlich, dass er es versteht. So wie ich ihn auch verstehe.

            Ich muss dazu noch sagen, dass er früher ein sehr schüchterner, zarter, sensibler Junge war, der sich nie gewehrt hat und manchmal schon bei einem krummen Blick von anderen Kindern in Tränen ausbrach (so bis ca. 2 1/2). Er hat auch dieses „Hauen zur Kontaktaufnahme“, was viele Kinder ja machen, nie gemacht. Manchmal macht er das jetzt lustigerweise. Er ist eigentlich total gut drauf, die Stimmung ist gut und er spielt mit seinem Papa und auf einmal haut er den Papa -aber mehr so spielerisch, als würde er was ausprobieren wollen. So interpretieren wir das zumindest. (wie gesagt, er wird bald 4 1/2)

            Liebe Grüße, Julia

          • Andrea Schiefer sagt

            Hallo Julia!

            Sekundärgefühle sind jene, die sich über die primären Gefühle drüber legen. In Verbindung mit der gewaltfreien Kommunikation (von Marshall Rosenberg) habe ich diese Theorie gelesen, welche mir sehr einleuchtend erscheint. Diese primären Gefühle sind für uns so schmerzhaft, dass wir lieber die Wut darüber legen.

            Wenn wir aber unseren Ärger bzw. unsere Wut annehmen und uns Selbstempathie schenken, kann sich unser primäres Gefühl offenbaren und auch das dahinter liegende Bedürfnis (zum Beispiel nach Trauer, Autonomie, Klarheit, Verbindung, Ruhe, Nähe, Wohlwollen, usw.). Ich denke in deinem Fall geht es um mehr als das Bedürfnis nach Essen, vielleicht Autonomie oder Ruhe? Vielleicht fühlst du dich traurig, weil du dich nach Autonomie sehnst? Du könntest auch weiter gehen in deine Kindheit und nachsehen, ob du da Autonomie vermisst hast.

            Die Wut ist also wie ein „Hinweisschild“ welches uns zeigen will, dass wir zu weit weg von uns selbst sind und wir lieber wieder zu uns zurückkehren sollten.

            Wenn wir wieder bei uns und unseren wirklichen Bedürfnissen gelandet sind, entspannt sich unser Körper und wir können wieder tiefer atmen. Allein durch das Bewusstwerden deines Bedürfnisses wird meiner Meinung nach schon alles leichter. Denn wir können uns anderweitig selbst unser Bedürfnis erfüllen. Falls dein Bedürfnis Autonomie ist, könntest du alleine etwas unternehmen oder ähnliches. Natürlich kannst du auch dein Kind darum bitten dir zu helfen dieses Bedürfnis zu erfüllen.
            Hier ist ein schöner Artikel über das Thema: http://www.liebevollefamilie.de/umgang-mit-gefuehlen/was-meine-wut-mir-sagen-will/

            Die gewaltfreie Kommunikation ist ein wunderbares Werkzeug im Umgang mit Kindern. Denn wenn wir uns für die Bedürfnisse der Kinder interessieren lernen sie den Umgang mit ihren Gefühlen. Außerdem ist es viel friedvoller, den anderen nicht schuldig zu machen, wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Und wir lernen uns besser kennen. Ich empfehle dir von Herzen das Buch „Mama, was schreist du so laut?“

            Ja, es ist wirklich ein großer Entwicklungsschritt, wenn unser Kind nicht mehr nur seine Muskeln in seinem Frust verwendet. Wenn es uns nur noch „schimpft“, ist dieser Schritt getan, wie wundervoll!
            Deine Reaktion zeigt ihm, dass du ihn verstehst. Verständnis ist so heilsam, klasse wie du das machst!

            Auch deine Art wie du ihm entgegentrittst, wenn er lange um seine Wünsche kämpft, ist einfühlsam und ehrlich. Denn ich finde es gar gut, wenn widerwillig nachgegeben wird, das Kind spürt dass da etwas nicht stimmt. Meist wird das Kind danach noch angefahren und geschimpft. Das Kind fühlt sich schuldig, hat aber absolut nichts falsch gemacht!

            Bei deiner Antwort dagegen wird keiner verletzt – ja, dein Sohn ist frustriert, aber das macht seine Psyche nicht krank!

            Das spielerische Hauen, ich nenne es lieber raufen, ist wirklich ein tolles Bindungsspiel. (Ich hab in einem Beitrag schon mal darüber geschrieben)

            In diesem vielfältigem Spiel geht es
            um Nähe
            um das Kennenlernen der eigenen Kräfte
            um heilsames Lachen
            um das Bedürfnis nach „Macht“ (welches eigentlich umfassende Autonomie ist)
            um das Kennenlernen von den Grenzen des anderen
            um Verbindung

            Dein Sohn weiß instinktiv, dass er aus diesem Spiel so viel bereicherndes mitnehmen kann. Unsere Kinder sind so schlau! 🙂

            Ganz liebe Grüße
            Andrea

  7. Nina Moro sagt

    Danke für diesen tollen Text! Ich habe schon im Bad gestanden und furchtbar geweint weil ich mich so hilflos, überfordert und versagt Gefühlt habe.
    Dabei ist es gar nicht so das ich versage oder das mein Sohn „böse/frech“ ist. Er sucht Einfach ein Ventil um mit seinen Gefühlen klar zu kommen. Mit diesem Blickwinkel kann ich unsere Situation ganz anders sehen und mit ihnen umgehen ❤️
    Danke

    • Andrea Schiefer sagt

      Liebe Nina,

      ich freue mich so dass du aus meinem Beitrag etwas mitnehmen konntest <3

      Unsere Kinder machen ja nie etwas gegen uns, sondern immer nur für sie selbst. Schön, dass du deinem Sohn jetzt ermöglichst an sich zu wachsen!

      Ganz liebe Grüße

      Andrea

  8. Michael sagt

    „Kinder werden als Erwachsene nur gewalttätig, wenn sie selbst von ihren Elter körperliche Gewalt erfahren haben, oder heftig und anhaltend mit Worten verletzt wurden.“ Es gibt Studien, die das widerlegen.

    Ich bin auch gegen Gewalt, egal gegen wen. Aber wer sich gegen gewalttätige Kinder nicht angemessen zur Wehr setzt (das kann man auch mit einem spaßhaften Klatscher auf den Po, oder einer einschränkenden Umarmung unter Löwengebrüll), sondern nur im Maso-Stil mit einem „Aua“ reagiert, motiviert sie nur, dies auch mit anderen Kindern auch zu tun. Aber das ist euch vermutlich wieder egal. Sind ja nur die anderen.

    • Andrea sagt

      Lieber Michael,

      ich lese, mein Artikel hat dich verärgert.

      Wenn mich mein Kind haut, mag ich es nicht ablenken (wie du es beschrieben hast), denn die vorhandene Aggression verschwindet dadurch nicht. Sie wird nur für die nächste Gelegenheit „aufgehoben“.

      Außerdem ist es bestimmt nicht förderlich, wenn ich mein Kind festhalte (wie du es beschrieben hast) dies macht das Kind hilflos und steigert verständlicherweise seine Wut nur.

      Ich sage „AU“ und schütze mich dann.

      Ich finde es wichtig, in die innere Welt der Kinder zu schauen und zu sehen, dass das Kind mir nicht weh tun will, sondern es gerade keinen anderen Weg weiß um sich auszudrücken.

      Deshalb habe ich in einem Absatz beschrieben, dass ich mit meinem Sohn gemeinsam auf die Suche nach für ihn passenden Wutstrategien gehe und hierzu viele Menschen befrage wie sie mit ihrer Wut umgehen.

      Wenn mein Kind ein anderes schlagen will, gehe ich dazwischen und versuche mit ihm gemeinsam herauszufinden welches Bedürfnis er sich mit dem Hauen erfüllen will, dann schlage ihm andere Handlungsweisen vor. Mein Sohn ist übrigens 4 Jahre alt und hat in seinem Leben genau 1x ein anderes Kind gehauen, deine Theorie scheint hier also nicht zuzutreffen. 😉

      Die von dir genannten Studien darüber, dass „Kinder welche ihre Eltern hauen (und diese die Kinder dann empathisch begleiten)“ in der Folge im Erwachsenenalter gewalttätig werden, würden mich sehr interessieren.

      Liebe Grüße
      Andrea

    • Schmerzspürende sagt

      Hallo Michael und Andrea,

      ich ärgere mich auch.
      Ich ärgere mich über Menschen, die sagen, sie seien gegen Gewalt, gleichzeitig aber Andere (z. B.ihre Kinder) gewaltsam von Gewaltausübung abhalten wollen …
      Entweder macht dem Kind der Klatscher auf den Po Spaß. Dann ist es natürlich keine Gewalt, aber du erreichst auch nicht dein gewünschtes Ziel, denn so ein „Schlagspaß“ kann ja total anstacheln. Vllt schlagt ihr euch dann gegenseitig hoch, bis es doch irgendwann wehtut. Dann ist der Spaß vorbei und ihr seid in die Gewalt gerutscht.
      Oder dem Kind macht es (von Anfang an keinen Spaß, sondern es tut ihm seelisch und ggf. auch körperlich weh. Dann ist es Gewalt und das Kind empfindet es auch so und wir bringen dem Kind bei, dass man Gewalt mit Gewalt unterbinden darf. Das bringt eine ganze Reihe von Fragestellungen mit sich: Ist Gewalt doch manchmal richtig, auch wenn sie doch eigentlich falsch ist? Wann darf ich Gewalt anwenden? Wer darf Gewalt anwenden? Der Stärkere? Der, der nicht angefangen hat? Der Ältere?
      Das Kind wird sich die Fragen (un- oder halbbewusst) beantworten. Vllt wird es zu dem Schluss kommen: Wenn ich älter und stärker bin, darf ich den Anderen schlagen und daraufhin jüngere und schächere Kinder schlagen, die etwas tun, was es nicht möchte.
      Fakt ist, wir leben auf diese Art Gewalt vor und legitimieren sie damit – zumindest in manchen Situationen.

      Alternative Handlungen zu Gewalt können nicht erlernt werden.

      Brüllen kann und eine erzwungene Umarmung ist Gewalt (sein) und somit gilt dafür das selbe, wie beim auf den Po schlagen.

      Ich freue mich, Andrea, dass du deine Erfahrung geteilt hast, dass dein Sohn nur einmal ein anderes Kind geschlagen hat.
      Ich kenne auch eine Familie, die deine Aussage untermauert. Die Eltern waren sehr konzentriert darauf, dass Kind davon abzubringen zu hauen, kneifen, beißen, schubsen, deshalb tut es dies v. a. mit jüngeren Kindern regelmäßig.
      Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass regelmäßiges Spiegeln der Gefühle von Kindern dazu führt, dass Kinder Ich-Botschaften und aktives Zuhören quasi nebenbei erlernen.

      Liebe Grüße
      Schmerzspürende

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